Zinspolitik in der Eurozone Vor diesem Balanceakt steht derzeit die EZB

Reinhard Panse: Der Investmentexperte verteidigt die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die vielfache Kritik an ihrer anhaltenden Niedrigzinspolitik. | © Uwe Noelke

Reinhard Panse: Der Investmentexperte verteidigt die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die vielfache Kritik an ihrer anhaltenden Niedrigzinspolitik. Foto: Uwe Noelke

„Es kann keinen Zins geben, der in einem Währungsverbund für alle optimal ist“, erklärt Reinhard Panse. Der Investmentchef beim deutschen Multi Family Office HQ Trust sieht drei Ebenen des Problems:

  • Zeit: „Vor 2006 hätte die EZB den Zins wegen des Immobilienbooms in Irland, Spanien und Portugal gerne angehoben. Aber da gab es den kranken Mann Europas, der den niedrigen Zins brauchte: Deutschland.“
  • Ort: „Es wird immer einen Interessenkonflikt zwischen reichen und armen Regionen geben. Auch in Deutschland: München und Sachsen-Anhalt bräuchten unterschiedliche Zinssätze.“
  • Interessen: „Für Sparer sind die Zinsen viel zu tief. Für eine Firma, die kurz vor dem Bankrott steht, sind sie viel zu hoch.“

Wie schwer es für die EZB seit vielen Jahren ist, den Zinssatz in der optimalen Höhe festzulegen, zeigt eine Analyse von HQ Trust, bei der die Taylor-Regel* angewendet wird: Die wirtschaftlichen Bedingungen sind in den Ländern der Eurozone so unterschiedlich, dass die Leitzinsen in Griechenland bei -2,2 Prozent liegen sollten – und in den Niederlanden bei 5 Prozent.

Grafik: HQ Trust

Panses Fazit lautet daher:

  • „Zum Glück muss sich die EZB nicht an einer Wählermehrheit orientieren. Ansonsten würde sie vielleicht den Zinssatz deutlich anheben. Das könnte zu einer schweren Wirtschaftskrise führen.“
  • „Manchen Kritikern wäre es offenbar Recht, wenn die EZB für jeden einzelnen Bürger eine eigene Zentralbank bauen würde. Dann gäbe es in Europa 500 Millionen verschiedene Zinssätze, die dann ungefähr passen.“
  • „Die EZB macht einen guten Job.“

*: Die Taylor-Regel ist nach John B. Taylor benannt. Der US-Ökonom entwickelte laut dem Münchner Ifo-Institut 1993 eine klare Zinsregel für die US-Notenbank Fed, die neben dem Ziel stabiler Preise auch einen hohen Beschäftigungsstand und moderate langfristige Zinsen anstrebt.
Der Taylor-Regel zufolge sollte der nominale Geldmarktzins (Federal Funds Rate) dazu je nach Inflationsrate auf Jahressicht und langfristiger Outputlücke festgelegt werden. Letztere stellt die prozentuale Abweichung des realen Bruttoinlandsprodukts vom Produktionspotenzial dar.