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DAV-Empfehlung zum Höchstrechnungszins „Zinssenkung einkalkuliert“

Versicherungsmathematiker Joachim Kaeß erklärt, wie sich eine Anhebung des Höchstrechnungszinses auf verschiedene Lebensversicherungsprodukte auswirken würde und ob eine Senkung der Leitzinsen in Sicht ist.
Joachim Kaeß: Der Versicherungsmathematiker bei Morgen & Morgen hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Zinsen im Laufe des Jahres gesenkt werden.

DAS INVESTMENT: Dass es mittelfristig zu einer Anhebung des Höchstrechnungszinses kommen wird, haben Sie bereits im September 2023 vorhergesagt. Nun empfiehlt die Deutsche Aktuarvereinigung eine Anhebung von derzeit 0,25 Prozent auf ein Prozent. Was halten Sie davon?

Joachim Kaeß: Es spricht sehr viel dafür, dass wir die Phase extremer Niedrig- und Negativzinsen auch mittelfristig überwunden haben. Die Staatsschulden in der Eurozone sind zwar weiterhin hoch. Auf der anderen Seite steht aber die Wahrung der Preisstabilität in einer veränderten Welt. Wenn die DAV nun einen Höchstrechnungszins von einem Prozent vorschlägt, geht sie mit dieser neuen Situation sehr verantwortungsvoll um.

Inwiefern?

Dieser Zins liegt deutlich unter dem EZB-Inflationsziel von 2 Prozent und auch spürbar unter dem aktuellen Referenzzins für die Berechnung der Zinszusatzreserve von 1,57 Prozent. Zudem werden die Zinsen in den nächsten Jahren wahrscheinlich oberhalb des Inflationsziels liegen. Der Vorschlag der DAV berücksichtigt die Risiken aus der vergangenen Niedrigzinsphase. Er gibt Versicherern aber auch die Möglichkeit, die Kunden nicht nur durch höhere Gesamtverzinsungen, sondern auch durch höhere Garantiezinsen von der Zinswende profitieren zu lassen.

Der Höchstrechnungszins wird manchmal ja auch als Garantiezins bezeichnet.

Das ist nicht ganz richtig. Bei einem Garantiezins handelt es sich um eine Mindestverzinsung eines konkreten Lebensversicherungsprodukts mit Bezug auf Gelder im Sicherungsvermögen. Damit Versicherer ihren Leistungsversprechen nachkommen können, müssen sie bilanzielle Rückstellungen bilden. Dabei dürfen sie einen Reservierungszins ansetzen, der den Höchstrechnungszins nicht überschreitet. Häufig sind Garantiezins und Höchstrechnungszins gleich hoch. Der Garantiezins eines Produkts kann aber auch unter dem Höchstrechnungszins liegen.

Kommt das denn oft vor?

Vor der Niedrigzinsphase waren Produkte mit Garantiezinsen unterhalb des aktuellen Höchstrechnungszinses aus Wettbewerbsgründen eigentlich undenkbar. Mit zunehmender Dauer und Verschärfung der Niedrigzinssituation wurden immer mehr Produkte mit Garantiezinsen unterhalb des Höchstrechnungszinses angeboten. Ziel war hier einerseits, die Finanzierbarkeit der Garantien des gesamten Bestands sicherzustellen, andererseits Freiheiten für Investitionen in renditestärkere, risikoreichere Anlagen im Sicherungsvermögen zu schaffen. Denn für den Versicherungsnehmer zählt vor allem die Gesamtverzinsung.

 

Erwarten Sie, dass die Versicherer künftig Produkte mit höheren Garantiezinsen anbieten werden?

Ich gehe davon aus, dass ein Höchstrechnungszins von einem Prozent auch als Garantiezins auf breite Akzeptanz stoßen wird. Vorstellbar ist, dass es Abweichungen nach unten vor allem bei Rentenversicherungen in der Aufschubphase geben wird. Am Ende kommt es auf die individuelle Solvenzsituation des einzelnen Versicherers an.

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Wie wirkt sich der höhere Höchstrechnungszins auf verschiedene Lebensversicherungsprodukte aus?

Führt der höhere Höchstrechnungszins zu einem höheren Garantiezins, wirkt sich dies positiv auf das Chance-Risiko-Profil aller kapitalbildenden Lebensversicherungen mit Garantien über das Sicherungsvermögen aus. Bei klassischen Rentenversicherungen steigt die Mindestrendite. Vor allem in schlechten Kapitalmarktszenarien erhält man höhere Renditen, da jederzeit mindestens der Garantiezins gewährt werden muss. Damit steigt auch die zu erwartende mittlere Rendite an.

Und wie sieht das bei Fondspolicen aus?

Bei Aufteilungstarifen, die eine Kombination aus klassischer und fondsgebundener Versicherung darstellen, beschränken sich diese Effekte auf den klassischen Anteil. Bei dynamischen Hybridprodukten wird die Mindestrendite nicht durch den Garantiezins, sondern durch die Garantiehöhe bestimmt. Der Garantiezins und die Garantiehöhe gehen gemeinsam in einen Algorithmus ein, der in Abhängigkeit von der Entwicklung des Vertragsguthabens jederzeit eine möglichst hohe Fondsquote anstrebt. Die Fondsquoten können sowohl durch Absenkung der Garantie als auch durch Erhöhung des Garantiezinses gesteigert werden. Dann steigen sowohl die Chancen als auch die Risiken des Produkts. Eine Erhöhung des Garantiezinses steigert bei gleicher Garantiehöhe die Chancen deutlich, während die Risiken in Form noch niedrigerer Renditen in sehr schlechten Verläufen nur leicht erhöht werden. Ein Garantiezins von einem Prozent erlaubt insbesondere auch wieder Produkte mit einer 100-Prozent-Beitragsgarantie. Der Markt wird darüber entscheiden, ob eher eine höhere Garantie oder eine höhere mittlere Fondsquote und damit höhere Chancen bei gleichem Absicherungsniveau gefragt sind.

Nun haben die Währungshüter der Europäischen Zentralbank den Leitzins unverändert bei 4,5 Prozent gelassen. Einige Marktteilnehmer gehen dennoch von baldigen Zinssenkungen aus. Wie sehen Sie das?

Angesichts der Inflation auf der einen und der hohen Staatsschulden auf der anderen Seite erscheint eine Hochzinsphase in den kommenden Jahren eher unwahrscheinlich, eine extreme Niedrigzinsphase wie in den vergangenen Jahren aber auch. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Zinsen im Laufe des Jahres gesenkt werden. Viel wichtiger ist aber die mittelfristige Perspektive, also das Spannungsfeld zwischen Inflation und Staatsschulden. Es bleibt abzuwarten, welcher Aspekt zu welchem Zeitpunkt wie stark überwiegt.

Was würde eine Zinssenkung für Lebensversicherer und ihre Produkte bedeuten?

Sie ist bei einem Höchstrechnungszins von einem Prozent bereits einkalkuliert. Im unwahrscheinlichen Fall, dass die Zinsen sehr stark gesenkt werden, müsste der Höchstrechnungszins wieder gesenkt werden. Die dann bereits abgeschlossenen Verträge mit einem Garantiezins von einem Prozent wären auch in einer solchen Situation gut finanzierbar.


Über den Interviewten:

Joachim Kaeß ist Versicherungsmathematiker und Fachreferent für mathematische Finanzmodelle beim Analysehaus Morgen & Morgen. 

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