Inzwischen haben wirklich alle Asset Manager und Banken ihre Ausblicke für das Jahr 2023 veröffentlicht. In der Regel handelt es sich dabei um durchdachte Beiträge, die sich unter anderem mit Zinssätzen, Wechselkursen und Verbrauchervertrauen befassen und die Frage stellen, welche Anlageklassen im Vergleich zum Vorjahr günstiger oder teurer erscheinen. Die meisten Ausblicke sind inzwischen jedoch schon wieder Makulatur. Es ist ohnehin schwer, Prognosen in konkrete Anlageentscheidungen zu übersetzen. Wer kann schon wissen, was Anleger zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Preise von Vermögenswerten einkalkulieren? Ein Beispiel: Hochverzinsliche Anleihen sind zwar inzwischen günstiger, weil die Kurse im letzten Jahr gefallen sind. Doch inwieweit sind die verbleibenden Zinserhöhungen und die wahrscheinlich höheren Ausfallquoten bereits eingepreist? Oder: Growth-Aktien scheinen aktuell im Vergleich zu Value-Aktien günstiger als früher. Die Differenz liegt aber immer noch über dem langfristigen Durchschnitt. Ist es jetzt an der Zeit, in die eine oder andere Richtung zu springen?
Worauf können wir uns also verlassen, wenn wir Investitionsentscheidungen treffen sollen? Auf Sicht von einem Jahr würde ich sagen: auf fast nichts. Wir wissen einfach nicht, was Anleger als nächstes tun, und wir wissen nicht, welche unerwarteten Ereignisse eintreten. Kurz- und sogar mittelfristig sind die Finanzmärkte spekulativ. Wer besser tippt als andere, hat einen Vorteil, doch der ist mit Unsicherheit behaftet.
Entgegen der Intuition ist es einfacher, sichere Aussagen darüber zu treffen, was in den nächsten zwölf Jahren passieren wird. Denn es gibt technologische Entwicklungen und Geschäftsmodelle, die unweigerlich bestehende Praktiken und Verhaltensweisen ersetzen. Welcher Mode die Verbraucher gerade folgen, wie hoch das Wirtschaftswachstum ausfällt oder wie oft die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöht, ist dafür nicht wichtig. Es geht bei diesen Entwicklungen vielmehr darum, bessere und billigere Lösungen für die Bedürfnisse und Wünsche der Gesellschaft zu finden. Dass Aktien von Unternehmen, die diese Chancen nutzen, mit hoher Wahrscheinlichkeit profitieren werden, ist erwiesen – und zwar für lange Zeitreihen.
Diese Trends bestimmen den Kapitalmarkt:
- Die Kosten des Gesundheitswesens steigen weltweit dramatisch an, weil die Bevölkerung altert und Behandlungen immer teuerer werden. Das einzige realistische Gegenmittel ist eine drastische Steigerung der Behandlungseffizienz und eine Verlagerung von der Behandlung zur Früherkennung und Prävention. Glücklicherweise befinden wir uns im Anfangsstadium einer Revolution im Gesundheitswesen. Das Zusammenwirken sinkender Kosten für die Gensequenzierung, steigender Rechenleistung und Künstlicher Intelligenz vervielfacht unsere Fähigkeit, Krankheiten zu verstehen und Durchbrüche zu entwickeln. Beispielhaft sind mRNA-Anweisungen, die dem Körper sagen, wie er bestimmte Krankheiten selbst bekämpfen kann, Roboter, die bessere und effizientere chirurgische Eingriffe durchführen können, Drohnen, die medizinische Güter liefern und tragbare Ultraschallgeräte, die an ein Mobiltelefon angeschlossen werden.
- Der Zahlungsverkehr ist ein Wirtschaftszweig, der seit Jahrzehnten kaum Disruption erlebt hat, aber reif für eine Umwälzung ist. Für Privatpersonen ist es nach wie vor kostspielig, Geld in die ganze Welt zu überweisen. Viele Menschen in Entwicklungsländern haben keine Bankverbindung, weil der Wohlstand des Landes nicht ausreicht, um eine moderne Finanzinfrastruktur zu schaffen. Hier kommt der Umbruch durch das Smartphone ins Spiel. Menschen können Bankgeschäfte allein über das Handy abwickeln und mehrere Währungen in einer App speichern. Kleine Händler können mit einer einzigen Logistik und internationalen Zahlungsanbietern ihre Waren in die ganze Welt verkaufen.
- Flexibles Arbeiten ist auf dem Vormarsch. Das bringt die Verbreitung von Kommunikations-Tools und Internet-Infrastruktur mit sich, zeigt sich aber auch in der Verlagerung in cloud-basierte Netze und dem Bedarf an stärker lokalisierter und robuster Sicherheits-Software.
- Der Klimawandel ist real. Die Welt muss den Nettoeintrag von CO2 in die Atmosphäre stoppen. Die Technologien dafür werden zum großen Teil schon entwickelt, stehen aber noch nicht im nötigen Umfang zur Verfügung.
Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050 oder kurz danach erfordern eine umfassende Umstellung des Energiemixes sowie der Speicherung und der Verteilung, die gerade erst begonnen hat. Das bringt neue Herausforderungen und Chancen mit sich. Dazu zählen skalierbare Batteriespeicher und leistungsfähige Kabelverbindungen, um Offshore-Windenergie in städtische Zentren zu bringen. Hizu kommen Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung.
Bergbauunternehmen belasten per se die Umwelt. Die Firmen, die am verantwortungsvollsten handeln, sind jedoch gut aufgestellt, um die riesigen Mengen an Kupfer und Eisenerz zu liefern, die für die Energiewende benötigt werden. Wir können immer noch nicht ohne Beton und Stahl bauen, aber Unternehmen, die umweltfreundlichere Baumaterialien finden, florieren. Und vergessen wir nicht die Landwirtschaft, die in hohem Maße zu Treibhausgasemissionen beiträgt. Firmen wie Upside Foods finden Wege, mit Hilfe der synthetischen Biologie Fleisch zu produzieren, das so aussieht und schmeckt wie das Original. Und John Deere baut längst nicht mehr nur Traktoren, sondern setzt Technologien ein, um den Bedarf an schädlichen Düngemitteln zu verringern oder sogar ganz zu eliminieren.
Sicher verdoppeln sich Aktienkurse von Unternehmen in diesen Bereichen. Wenn Anleger sich über kurzfristige Nachrichten aufregen, können sie sich aber auch halbieren. Als langfristiger Investor müssen wir das allerdings ignorieren, weit über den Zwölfmonats-Horizont hinaus schauen und uns auf die tatsächlichen Fortschritte konzentrieren.
Über den Autor: Stuart Dunbar ist Partner beim schottischen Vermögensverwalter Baillie Gifford.