Der Schweizer Versicherungskonzern Zurich hat die Suche nach einem Abnehmer für sein deutsches Portfolio geschlossener Lebensversicherungen wieder aufgenommen. Finanzvorständin Claudia Cordioli bestätigte gegenüber „Bloomberg TV“, dass man aktuell mit mehreren Interessenten in Kontakt stehe und verschiedene Verkaufsszenarien prüfe.
Im Raum steht ein Bestand in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar. In der Vergangenheit war zudem von 720.000 betroffenen Verträge die Rede.
Warum der Run-Off so attraktiv sein kann
Beim sogenannten Run-off-Geschäft übernehmen spezialisierte Abwicklungsgesellschaften bestehende Versicherungsbestände und führen sie bis zum Ablauf weiter, ohne selbst neues Geschäft zu schreiben. Ihr Fokus liegt darauf, Altverträge effizient zu verwalten und die zugesagten Leistungen zu erfüllen.
Der Verkauf von Altbeständen hat für Lebensversicherer mehrere Vorteile: Er entlastet Bilanzen und setzt Kapital für Neugeschäft frei. Eine aktuelle Studie der Ratingagentur Moody's verweist auf den erheblichen Investitionsbedarf in Technologie und Digitalisierung. Alte Verträge lassen sich oft nur schwer in moderne IT-Systeme integrieren, während gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen steigen. Für Unternehmen mit stagnierendem Wachstum sind diese Kosten kaum zu stemmen.
Viridium mit zweitem Anlauf nach gescheitertem Deal
Im Zurich-Fall gilt laut eines Berichts des „Handelsblatt“ der Run-off-Spezialist Viridium, der bereits 2024 einen Kaufversuch unternommen hatte, als Favorit für die Transaktion. Damals verhinderte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) den Deal. Grund waren Zweifel am damaligen Viridium-Eigentümer Cinven.
Inzwischen haben die Allianz, der japanische Versicherer T&D sowie der US-Vermögensverwalter Blackrock die Cinven-Anteile übernommen. Viridium-Geschäftsführer Tilo Dresig hatte im März 2025 angekündigt, dass man zeitnah neue Bestände akquirieren wolle.
Doch zu einem möglichen Kauf des Zurich-Portfolios wollte sich das Unternehmen aus Neu-Isenburg vergangene Woche nicht äußern, so das „Handelsblatt“. Auch ein Sprecher von Zurich-Deutschland wollte über Cordiolis Aussagen hinaus keine Stellung nehmen.
Athora gilt als weiterer Interessent
Als weiterer Interessent wird laut des Berichts mit Verweis auf „Branchenkreise“ der Bestandsabwickler Athora gehandelt. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern. Seit Monaten betont Athora seine Wachstumsambitionen in Deutschland – konkrete Transaktionen blieben bisher jedoch aus. Sowohl bei der Übernahme der Cinven-Anteile an Viridium als auch beim Kauf eines Axa-Portfolios 2024 ging das Unternehmen leer aus. Nun steige laut des „Handelsblatt“ der Erfolgsdruck.
Da Athora ausschließlich im Run-off-Geschäft tätig ist, werde es ohne neue Akquisitionen schwieriger, die eigenen Expertenteams zu halten. Die interne Erwartungshaltung sei dementsprechend hoch. Branchenbeobachter zweifelten allerdings, ob Athora die Transaktion allein finanzieren kann – eine Konsortiumslösung erscheint möglich. Erst im Juli hatte das Unternehmen den britischen Versicherer Pension Insurance Corporation für 7,78 Milliarden Dollar übernommen.
Eine Hürde für Athora könnte laut „Handelsblatt“-Artikel der eigene Großaktionär darstellen: Der Vermögensverwalter Apollo hält zusammen mit seiner Tochter Athene knapp 25 Prozent. Auch wenn ein Drittel der Investitionen über Apollo laufen, sieht Athora-Chef Mike Wells laut einer Aussage aus dem Frühjahr darin keinen Interessenskonflikt, sondern Vorteile durch Zugang zu Private-Debt-Investitionen mit attraktiven Illiquiditätsprämien.
Sorgen vor Private-Equity-Einfluss
Zurich-Konzernchef Mario Greco hatte im Sommer in der „Financial Times“ Bedenken gegenüber dem wachsenden Einfluss privaten Kapitals in der Lebensversicherungsbranche geäußert. Die unterschiedlichen Zeithorizonte – langfristige Kundenverträge versus kurzfristige Private-Equity-Strategien – seien problematisch.
„Es muss eine Interessenangleichung geben, denn Kunden kaufen Lebensversicherungsprodukte oft für den langen Zeitraum – und sie hören ungern, dass sich der Eigentümer ihrer Verpflichtungen ändert“, zitiert das „Handelsblatt“ Greco.
Manche Marktbeobachter interpretieren Grecos Äußerungen auch als Verhandlungstaktik zur Preisbeeinflussung, schreibt das „Handelsblatt“. Cordioli betonte in ihrem „Bloomberg“-Interview, potenzielle Käufer müssten langfristig orientiert sein und Versicherteninteressen priorisieren – eine Erwartung, die sowohl Zurich als auch die Aufsichtsbehörden im Vordergrund stünden.

