Hochverschuldete EU-Staaten investieren systematisch weniger in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Klimaschutz. Das zeigt eine neue Studie des ZEW Mannheim, die mit der sogenannten „Zukunftsquote“ einen neuen Indikator für die Länderanalyse liefert.

Der Zusammenhang zeigt sich konkret: Griechenland mit einer Schuldenquote von über 160 Prozent investiert weniger als 20 Prozent seiner Ausgaben in die Zukunft. Italien liegt bei 140 Prozent Verschuldung und 19 Prozent Zukunftsinvestitionen. Estland dagegen kombiniert niedrige Schulden von 18 Prozent mit einer Zukunftsquote von 28 Prozent. Über alle EU-Länder hinweg ergibt sich eine Korrelation von minus 0,747.

Für Investoren bedeutet dies: Länder mit hohen Schuldenquoten tragen nicht nur das klassische Solvenzrisiko, sondern gleichzeitig auch das Risiko struktureller Wachstumsschwäche durch Unterinvestition in produktivitätssteigernde Bereiche.

Erhebliche Unterschiede zwischen EU-Ländern

Die konkreten Zahlen zeigen eine beträchtliche Spreizung zwischen den Mitgliedstaaten. Schweiz (29 Prozent), Estland (28 Prozent), Lettland (27 Prozent) und Schweden (26 Prozent) führen das Ranking an – allesamt Länder mit Schuldenquoten unter 50 Prozent des BIP. Am unteren Ende liegen Griechenland, Portugal, Spanien und Italien mit Zukunftsquoten unter 21 Prozent. Diese südeuropäischen Staaten weisen Schuldenquoten von deutlich über 100 Prozent auf.

Deutschland positioniert sich mit 23,6 Prozent nur im EU-Durchschnitt, obwohl die Verschuldung mit 63 Prozent des BIP vergleichsweise moderat ausfällt. „Mit dem geplanten Anstieg auf 80 Prozent bis 2029 besteht die Gefahr weiterer Verschlechterung“, warnt ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. 

Der Mechanismus dahinter

Die ZEW-Forscher identifizieren drei mögliche Erklärungen für den beobachteten Zusammenhang. Steigende Schuldendienstkosten verdrängen Investitionsausgaben, beide Phänomene sind Symptome politischer Kurzfristorientierung, oder Regierungen unter fiskalischem Druck priorisieren Sozialausgaben über langfristige Investitionen.

„Hohe Schuldenstände und hohe Zukunftsorientierung schließen sich in Europa weitgehend aus“, fasst Heinemann zusammen. In hochverschuldeten Ländern wie Griechenland, Italien und Spanien verdrängen Zinszahlungen und laufende Sozialausgaben zunehmend Mittel für langfristige Investitionen.

Fiskalregeln zahlen sich aus

Die Daten zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen Regeleinhaltung und Zukunftsinvestitionen. Länder mit hoher Einhaltung der EU-Fiskalregeln weisen höhere Zukunftsinvestitionen auf (Korrelation: +0,434). „Umgekehrt kann eine Regelverletzung nicht auf besonders hohe Zukunftsausgaben zurückgeführt werden“, stellt Heinemann klar. Die oft gehörte Begründung für Regelverstöße – man benötige Spielraum für Investitionen – findet in den empirischen Daten keine Bestätigung.

Diese Erkenntnisse lassen sich auf verschiedene Anlagestrategien übertragen.

Praktische Relevanz für verschiedene Anlagestrategien

Die Zukunftsquote ergänzt bei Staatsanleihen die klassischen Bonitätskennzahlen. Länder mit niedriger Zukunftsquote dürften mittelfristig schwächeres Wachstum aufweisen – mit entsprechenden Folgen für die Schuldentragfähigkeit. Dies gilt besonders für mittelfristige Durationsstrategien und die Bewertung von Risikoprämien.

Bei der Aktienallokation korrelieren die Länder-Rankings mit der Standortqualität. Niedrige Zukunftsquoten signalisieren verschlechternde Infrastruktur, Fachkräftemangel und Innovationsdefizite – Faktoren, die sich mittelfristig in Unternehmensergebnissen niederschlagen. Die geografische Allokation in europäischen Portfolios kann diese Muster berücksichtigen.

Multi-Asset-Strategien finden in der systematischen Nord-Süd-Divergenz Ansatzpunkte für taktische Allokation zwischen Regionen. Nordeuropäische und baltische Länder zeigen konsistent bessere Werte bei beiden Indikatoren – Verschuldung und Zukunftsinvestitionen.

ESG-Portfolios erhalten mit der Zukunftsquote einen quantifizierbaren Governance-Indikator, der die Langfristorientierung staatlicher Politik messbar macht. Dies erweist sich besonders für nachhaltigkeitsorientierte Mandate als relevant. Die zeitliche Entwicklung der Zukunftsquote liefert zusätzliche Erkenntnisse über die Dynamik dieser Zusammenhänge.

Zeitliche Entwicklung zeigt Divergenz

Die durchschnittliche EU-Zukunftsquote verbesserte sich zwischen 2015 und 2022, stagnierte jedoch 2023. Die Divergenz zwischen Nord/Ost (verbessernd) und Süd (stagnierend) nimmt zu. Für zukunftsgerichtete Analysen bedeutet dies: Die strukturelle Wettbewerbsposition verschiebt sich zulasten der hochverschuldeten großen Volkswirtschaften.

Die Kombination aus hoher Verschuldung und niedriger Zukunftsquote signalisiert ein doppeltes strukturelles Risiko. Die Zukunftsquote bietet einen zusätzlichen Filter für Länderallokation, der über traditionelle Fiskalindikatoren hinausgeht. Der Indikator erweist sich als relevant für Anleihe-, Aktien- und Multi-Asset-Portfolios mit mittel- bis langfristigem Anlagehorizont.