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Von der Pizza bis zum Auto lässt sich inzwischen vieles online bestellen Foto: IMAGO / MiS
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Online-Handel als Pandemie-Gewinnerbranche

Zwei Megatrends bringen stetes Wachstum

Für einige Branchen hat der Lockdown den Strukturwandel bis zur Existenzbedrohung beschleunigt, für andere wirkte er wie ein Konjunkturprogramm. Das erste Beispiel für Unternehmen, die als Gewinner aus der Pandemie hervorgehen, sind solche, die ihre Leistungen den Abnehmern direkt nach Hause liefern. „Stay Home“ heißt die Devise seit inzwischen rund zwölf Monaten, also kaufen Hunderte Millionen Verbraucher online ein, ähnlich wie sie Filme streamen statt ins Kino zu gehen, Zoom, Skype oder Webex im Homeoffice nutzen oder mit dem Menülieferdienst Besuche im Restaurant ersetzen.

Zwar dürfte sich die nahezu ausschließliche Nutzung dieser Formen von Kommunikation, Unterhaltung oder auch Verpflegung weiter relativieren, sobald sich das Leben nach der Pandemie normalisiert. Es dürfte aber sehr wohl Verhaltensänderungen geben, die hängen bleiben. Viele Verbraucher dürften an bequemen Online-Bestellungen Gefallen gefunden haben.

Grafik 1: Sonderkonjunktur für Online-Händler

Der Online-Anteil am gesamten Einzelhandel lag vor der Corona-Pandemie (2019) bei 8,9 Prozent und stieg bis zum Jahresende 2020 auf mehr als 11,2 Prozent. Im zweiten Quartal, das am stärksten vom Lockdown geprägt war, verzeichneten Online-Händler nahezu eine Verdopplung der Lebensmittel- und Medikamentenumsätze (Grafik 1), aber auch in anderen Kategorien waren die Zuwächse erheblich. Für die kommenden Jahre rechnet die E-Commerce-Branche mit weiterem Wachstum zu Lasten des stationären Einzelhandels, wenngleich nicht mehr so sprunghaft wie im vergangenen Jahr.

Grafik 2: E-Commerce-Boom geht nach Covid-19 weiter

Quelle: eMarketer, Stand: 29.05.2020

Dennoch dürfte sich der Bedeutungsverlust klassischer Einzelhändler, vor allem in jetzt schon starken Online-Sektoren wie Mode oder Schuhe, auch zukünftig in nachlassender Flächennachfrage in Innenstädten bemerkbar machen. Erste Mittelstädte konvertieren bereits frühere Kaufhäuser in gemischte Mehrzweck-Zentren und der durch Covid-19 forcierte Trend zu Online-Lieferungen wird den Charakter vieler Fußgängerzonen nachhaltig verändern.

Die Corona-Pandemie beschleunigt den Strukturwandel, der für viele Unternehmen verschiedener Sektoren im Zuge der Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit spürbar ist. Einflussreiche Organisationen wie das World Economic Forum (WEF) fordern, dass jedes Unternehmen verpflichtet wird, über seine Umweltleistung und seine soziale Leistung genauso zu berichten wie jetzt schon über seine finanzielle Bilanz. Im Ergebnis nimmt die Divergenz zwischen Gewinnern und Verlierern zu und wird transparenter, sowohl unter Unternehmen als auch ganzen Branchen. Die Pandemie verstärkt diesen Trend, wie oben gesehen, auf unterschiedliche Weise. Viele Veränderungen, die sich etwa für die Automobilindustrie oder die Airlines ergeben, dürften irreversibel sein, ebenso wie der Siegeszug der Online-Bestelldienste. Dieser Prozess ist keineswegs abgeschlossen. Es gilt also, sich entsprechend zu positionieren.

Spare in der Zeit …

… dann hast du in der Not, sagt das alte Sprichwort. In wiederholten Corona-Lockdowns sind die Haushalte nur in sehr eingeschränkter Form vor diese Entscheidung bezüglich ihrer Einkommensverwendung gestellt: Die Shopping-Passagen der Innenstädte verwaisen und die Angst vor dem Virus lässt viele Menschen auch Lebensmitteleinkäufe auf das Allernötigste reduzieren. Weitere Teile zum erzwungenen Konsumverzicht steuern stillgelegte Branchen wie Tourismus, Gastronomie oder Veranstaltungen bei. Im Ergebnis ist die Sparquote so stark wie noch nie gestiegen (Grafik 3).

Grafik 3: Wie Covid-19 das Sparverhalten ändert

Für die Unternehmen ist dieser neue, von Covid-19 erzeugte Trend eine Herausforderung auf der makroökonomischen Ebene, welche die strukturellen Herausforderungen auf Firmenebene ergänzt. Entscheidend wird sein, ob die Privathaushalte nach Abklingen der Pandemie sofort wieder zu der Vorkrisenaufteilung auf Konsum und Sparen zurückkommen (siehe Szenario 1 in Grafik 3), ob der Rückgang der Sparquote auf Vorkrisenniveau länger dauert, letztlich aber erreicht wird (Szenario 2) oder ob, wie in Szenario 3 modelliert, die Sparquote auf mittlere Sicht deutlich oberhalb ihres vor Corona erreichten Niveaus verharrt.

Für Branchen wie Handel, Gastronomie oder Touristik entscheiden derartige Fragen über Umsatzpotenziale im zweistelligen Milliardenbereich. Obwohl sich der private Verbrauch also über die nächsten Quartale weiter kräftig erholen dürfte, kann von einer vollständigen Normalisierung bislang keine Rede sein. Konsumabhängige Unternehmen werden also noch eine Weile mit einem schwächeren Konsumklima und einer erhöhten Sparneigung der Haushalte leben müssen.

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