Dexia AM: 2012 ist bei Staatsanleihen das Jahr der Entscheidungen

Koen van de Maele von der Dexia Asset Management

Koen van de Maele von der Dexia Asset Management

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Alles begann 2010, als ein Land mit einem Anteil von weniger als 3 Prozent am europäischen Bruttoinlandsprodukt eine systemische Staatsanleihenkrise auslöste – eine Krise, die sogar an der Zukunft des europäischen Projekts zweifeln ließ. 2010 jagte eine Krise die andere – auf Griechenland folgte Irland, auf Irland folgte Portugal. 2011 wackelten dann zwei große Dominosteine, Italien und Spanien.

Auf mehreren europäischen Gipfeltreffen versuchte man, Markt-Spekulationen einzudämmen, einerseits durch eine Reduzierung der Haushaltsdefizite, andererseits durch einen gewissen Grad an finanzieller Solidarität. In letzter Sekunde gelang es zwar, die völlige Zahlungsunfähigkeit europäischer Länder zu vermeiden, aber die Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie brachte eine Reihe unklarer und gefährlicher Konzepte hervor, beispielsweise die freiwillige Beteiligung privater Gläubiger. Zur Stabilisierung der griechischen Finanzlage und als Strafe für private Spekulationen sollten diese auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Danach sollte das Konzept auf alle Länder ausgedehnt werden, die internationale Hilfen bekommen. Am Ende wanderte der Vorschlag einer Ausdehnung auf andere Länder wegen kaum beherrschbarer rechtlicher Probleme in den Papierkorb.

Ein anderes Beispiel für europäische Fehlentscheidungen ist der Vorrang des ESM vor privaten Gläubigern im Rahmen des Rettungsplanes durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus im Falle einer Pleite der Schuldner. Im März 2011 erfreute sich dieses Konzept einiger Beliebtheit, um „brave“ Länder zu schützen.

Aber dann führte es nur zu einer weiteren Ausbreitung der Krise, weil es die Kreditqualität von Ländern weiter schwächte, die nur in kleinen Raten Hilfen bekommen. Letzten Endes wurde das Konzept wieder verworfen.

Welche Gründe gibt es also, auf eine Lösung der europäischen Krise im Jahr 2012 zu hoffen, wenn man sich diese politischen Kehrtwenden vor Augen führt?

Paradoxerweise könnten gerade die Unsicherheiten des letzten Jahres der Beginn der Lösung sein. Erstens wurden einige der gefährlichen Vorschläge des Jahres 2011 nicht weiter verfolgt – was beruhigend ist, so lange man sie nicht wieder hervorholt.

Hinzu kommen die großen Fortschritte im Jahr 2011 insbesondere die klugen und innovativen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank: Wie immer war die EZB für eine Überraschung gut, diesmal indem sie für über 200 Milliarden Euro Staatsanleihen kaufte und so ein Desaster verhinderte. Es gibt berechtigte Hoffnungen, dass sie bei Bedarf wieder ähnlich vorgeht; und man sollte nicht überrascht sein, wenn die EZB-Bilanz 2011 die 500-Millarden-Euro-Marke überschreitet.

Das schwache Wachstum wird den Regierungen den Schuldenabbau 2012 nicht gerade erleichtern. Unmöglich ist er aber nicht, sofern die Europäer ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Wenn die Notenbank – in welcher Form auch immer – ihre Aufgabe als Kreditgeber letzter Instanz wahrnimmt und die europäischen Regierungen Fortschritte auf dem Weg zur Fiskalunion machen, werden die Anleger zweifellos wieder in die Anleihen hinreichend solventer Länder investieren.

Blick nach Westen

In den USA ist 2012 außerdem Wahljahr – wobei die Haushaltspolitik eine große Rolle spielt. Auch wenn die amerikanische Notenbank Fed zweifellos alles tun wird, um die Wirtschaft zu stützen und für niedrigere Langfristrenditen zu sorgen, wird jede weitere fiskalische Verschwendung und ein Aufschub finanzieller Unterstützungsmaßnahmen schlecht für US-Staatsanleihen sein, die in Zeiten wirtschaftlicher Erholung traditionell schon sehr teuer sind.

Zum Jahresbeginn sind Renteninvestoren in der Zwickmühle: Europa, oder doch die USA? Man sollte sehr wählerisch sein, selbst bei Ländern mit einem AAA-Rating. Die Anleger warten auf klare Antworten.

Dabei ist es möglicherweise nicht die schlechteste Entscheidung, sich in den Schwellenländern umzusehen. Obwohl die weltweiten Ungleichgewichte weiter zunehmen, bieten die Schwellenländer aufgrund ihrer guten Verfassung weiterhin Chancen.