Inflation Eurozone: Erste Anzeichen für höhere Zinsen

Mario Draghi am 10. Mai im Oberhaus des niederländischen Parlaments: Die EZB könnte bald ein Ende der lockeren Geldpolitik signalisieren. | © Getty Images

Mario Draghi am 10. Mai im Oberhaus des niederländischen Parlaments: Die EZB könnte bald ein Ende der lockeren Geldpolitik signalisieren. Foto: Getty Images

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Die aktuelle Stimmung in der Eurozone ist eindrucksvoll: Die vom Beratungsunternehmen Sentix ermittelte Markterwartung für den gemeinsamen Währungsraum ist jüngst auf den höchsten Stand seit fast zehn Jahren geklettert. „Die Anleger erwarten offensichtlich eine Abnahme der politischen Unsicherheiten“, interpretiert Manfred Hübner von Sentix den besten Wert seit Juli 2007. Damit habe aus Sicht der Investoren nun auch die Eurozone als Ganzes die Folgen der Finanzkrise des Jahres 2008 überwunden.

Auch das tatsächliche und mit harten Zahlen messbare Wirtschaftswachstum in der Eurozone hat sich im ersten Quartal 2017 fest gezeigt. Das Tempo aus dem Schlussquartal 2016 wurde beibehalten: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs zwischen Januar und März um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal, meldet die Statistikbehörde Eurostat. Im Jahresvergleich hat sich das BIP im ersten Quartal sogar um 1,7 Prozent erhöht.

Die Inflation in der Eurozone hält mit der guten konjunkturellen Entwicklung Schritt: Im April stieg die jährliche Inflationsrate laut Statistikbehörde Eurostat auf 1,9 Prozent. Im März hatten die Verbraucherpreise zwar nur mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent zugelegt, dies hing jedoch mit der Lage des Osterfestes im Kalender zusammen. Im Februar war eine Inflationsrate von 2,0 Prozent gemessen worden.

Besonders frappierend: Die in den vergangenen Monaten kräftig gestiegenen Inflationsraten hatten Marktbeobachter nicht auf dem Zettel – die Preisteuerung hat sich weitgehend unerwartet eingestellt. So signalisiert der Citi Inflation Surprise Index, dass der Preisauftrieb zuletzt so stark unterschätzt worden ist wie noch nie seit der Einführung des Euros im Jahr 1999.

Der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik steht an

Vor der Bundestagswahl im September gibt es für deutsche Sparer nach langen Jahren des Darbens einen Lichtblick: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) stellte Anfang Mai öffentlich fest, dass es fast neun Jahre nach der Finanzkrise erste Anzeichen für ein Ende der Niedrigzinspolitik gebe. „Da sich die wirtschaftliche Lage in der Eurozone insgesamt verbessert hat und die Sorge vor einer Deflation verschwunden ist, gibt es Andeutungen aus dem Kreis des EZB-Vorstands, wonach man dort allmählich den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik einleiten will.“

Schäuble zeigte sich zuversichtlich, dass es in Frankreich unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron Fortschritte geben werde. Auch in den Peripherieländern komme man inzwischen voran: „In Italien sind wir auf einem richtigen Weg. Auch Griechenland entwickelt sich besser als vor ein, zwei Jahren“, so Schäuble.

Die Mutmaßungen des Bundesfinanzministers zu einem Richtungswechsel der EZB kommen nicht von ungefähr: Ende April hatte sich die EZB mit ihrem Präsidenten Mario Draghi vorsichtig optimistisch hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung in der Eurozone gezeigt. Anfang Mai war Draghi im Oberhaus des niederländischen Parlaments allerdings wieder zurückgerudert. Der EZB-Chef verteidigte die nach Auffassung der EZB nach wie vor zu schwache Inflation im Euroraum und stellte eine Verlängerung der Anleihekäufe über 2017 hinaus in Aussicht.

Die EZB peilt eine Inflationsrate von knapp 2 Prozent an und hatte ihren zentralen Zinssatz vor einem Jahr auf den historisch niedrigen Wert von 0,0 Prozent gesenkt, um mit extrem günstigem Kapital Konjunktur und Inflation voranzubringen. Die Notenbank kauft weiterhin jeden Monat Vermögenswerte im Umfang von 60 Milliarden Euro vom Markt. Die Papiere in ihrer Bilanz entsprechen inzwischen dem Wert von einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Euroraums mit seinen 340 Millionen Einwohnern. Nachdem die Inflation in der Eurozone im Februar dieses Jahres den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht hatte, war die EZB unter Druck geraten, von ihrer für die Preisstabilität gefährlichen Politik abzurücken.

EZB liegt hinter der Inflationsentwicklung zurück

„Mein Gegenüber schaute mich kürzlich völlig verwirrt an als ich andeutete, dass es im Verlauf des Jahres 2017 einen ersten Zinsschritt geben dürfte“, berichtet David Buckle, Head of Investment Solutions Design bei Fidelity Investments, von einem Journalistengespräch. Nachdem ein Drittel des Jahres bereits verstrichen ist und EZB-Chef Mario Draghi keine Anstalten macht, die Zinsen zu erhöhen, scheint dieser Gedanke tatsächlich etwas abwegig zu sein.

Doch nachdem die Kerninflationsrate (ohne Energie- und Lebensmittel-Preise) im April um 1,2 Prozent angesprungen ist, reiben sich viele Marktkenner die Augen. „Beim letzten Mal als die Kerninflation so hoch lag, befand sich der EZB-Zinssatz bei 0,25 Prozent – was nach nicht viel aussieht. Doch genau besehen liegen wir trotz hoher Kerninflation derzeit 0,65 Prozent – oder zweieinhalb Zinsschritte – unter dem damaligen Wert“, rechnet Buckle vor. Der Head of Investment Solutions Design von Fidelity warnt, dass es seit der Finanzkrise keinen so starken Inflationssprung wie zuletzt gegeben habe: „Ein ähnlicher Aufschlag wurde lediglich im März 2011 verzeichnet. In den nachfolgenden Monaten beeilte sich die EZB, die Zinsen von 0,25 auf 0,75 Prozent hochzuschrauben.“