Nachhaltigkeits-Ratings „Die alleinige Bewertung von Produkten reicht nicht“

Windmühlen von Greenpeace-Aktivisten in Straßburg: Europa ist im Bereich Nachhaltigkeit weltweit führend  | © Getty Images

Windmühlen von Greenpeace-Aktivisten in Straßburg: Europa ist im Bereich Nachhaltigkeit weltweit führend Foto: Getty Images

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Seit einigen Jahren bewerten Anbieter von Finanzinformationen in unabhängigen Ratings die Nachhaltigkeitsmerkmale von Investmentfonds. Dabei wird jeder einzelne Portfoliotitel bewertet. Anschließend werden die vergebenen Noten zusammengefasst und so das Gesamt-Rating für den Fonds ermittelt.

Diese Ratings sind zweifellos sinnvoll für Anleger, die bei der Auswahl von Fonds auch ökologische, soziale und die Unternehmensführung betreffende Aspekte (ESG-Kriterien) berücksichtigen wollen. Außerdem schärft sich auf diese Weise das Profil nachhaltiger Investments insgesamt, was wir von Kames Capital ausdrücklich begrüßen.

Nachhaltigkeits-Ratings haben jedoch auch folgende Tücken:

1. Begrenzte Untersuchungen: Rankings berücksichtigen nur Unternehmenspraktiken

Die größte Schwäche von Nachhaltigkeits-Ratings besteht darin, dass sie sich häufig vor allem mit den Praktiken von Unternehmen beschäftigten, statt mit ihren Produkten. Das kann dazu führen, dass Unternehmen mit soliden Corporate Governance-Strukturen überzeugen, obwohl ihre Produkte sich nachteilig auf die Gesellschaft auswirken. Tabak- und Waffenhersteller sind ein gutes Beispiel.

2. Unangemessene Vergleichsgruppen: Alles kommt in einen Topf

Die Rating-Anbieter bewerten sowohl herkömmliche als auch spezielle Ethik- und Nachhaltigkeitsfonds anhand ihrer ESG-Leistung. Die Auswahl der Vergleichsgruppe kann dazu führen, dass Fonds mit klar umrissenem ESG-Konzept „schlechter“ scheinen als einige herkömmliche Fonds.

Die definierten Vergleichsgruppen spiegeln im Allgemeinen nicht die Absicht der Spezialfonds widern. Fonds, die mit Blick auf die ESG-Kriterien gut abschneiden, teilweise aber keinen Nutzen für Gesellschaft oder Umwelt bieten, rangieren dadurch auf Augenhöhe mit ökologisch nachhaltigen Fonds. Die vorhandenen Risiken im Zusammenhang mit diesen so genannten „False Positives“ untergraben die Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeits-Ratings.

3. Groß ist nicht unbedingt besser

Zwischen der Marktkapitalisierung eines Unternehmens und seiner ESG-Note besteht eine positive Korrelation. Häufig ist das allein darauf zurückzuführen, dass die größten Unternehmen über die umfangreichsten Mittel verfügen, um ihre Nachhaltigkeit zu messen und darüber zu berichten. Kleine Unternehmen mit knapperen Mitteln und weniger umfangreicher Offenlegung müssen sich unterdessen mit schlechteren ESG-Noten zufriedengeben. Auch generell mangelt das Interesse der Rating-Anbieter an kleinen Unternehmen. Das kann zusätzlich zu einer Verzerrung der Nachhaltigkeits-Ratings von Portfolios insgesamt führen.