Pro & Contra Aktien Großbritannien: Verblasste Kronjuwelen oder bald keinen Penny mehr wert?

Luca Simoncelli, Manager des Uni-Global Cross Asset Navigator (links), argumentiert gegen Robert Beer, Manager des Lux Topic Aktien Europa

Luca Simoncelli, Manager des Uni-Global Cross Asset Navigator (links), argumentiert gegen Robert Beer, Manager des Lux Topic Aktien Europa

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Fifty fifty – so könnte man die Wahrscheinlichkeit des Ausgangs beim bevorstehenden Referendum in Großbritannien wohl am besten bezeichnen. Nach wie vor liegen Befürworter und Gegner eines Austritts aus der Europäischen Union in etwa gleichauf. Nur eine knappe Mehrheit der Briten würde derzeit für einen EU-Verbleib des Vereinigten Königreichs votieren. Zum Zünglein an der Waage könnten die Unentschlossenen werden, die das Ergebnis quasi in letzter Sekunde in die eine oder andere Richtung lenken können.

Auch die Meinungen der Finanzmarktteilnehmer gehen auseinander. Einer Umfrage des Fondsanbieters NN Investment Partners zufolge hält allerdings nur eine Minderheit der internationalen Investoren einen EU-Austritt Großbritanniens für wahrscheinlich. Wenngleich fast die Hälfte der Befragten einen solchen Brexit als ein erhebliches beziehungsweise sehr erhebliches Risiko für ihre Anlageportfolios nennen. Völlig offen ist auch, welche Auswirkungen ein Ausscheiden aus der EU auf wirtschaftlicher Ebene für Großbritannien hätte. Einige Experten rechnen mit weitreichenden Folgen.

Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC im Auftrag des britischen Industrieverbandes ergab, dass sich die Kosten eines Brexits bis zum Jahr 2020 auf bis zu 100 Milliarden Pfund – umgerechnet 129 Milliarden Euro – aufsummieren könnten. Dementsprechend sprechen sich Vertreter britischer Wirtschaftsunternehmen – anders als die Bevölkerung – mehrheitlich gegen einen Austritt Großbritanniens aus der EU aus.

Und auch bei der OECD hat man nachgerechnet – der Organisation zufolge müsste jeder britische Haushalt 20 Jahre lang mindestens ein Monatsgehalt von durchschnittlich umgerechnet 2.840 Euro pro Jahr berappen, um den wirtschaftlichen Verlust auszugleichen. Die Frage lautet aber nicht nur, was mit Großbritannien im Falle eines Brexit passiert, sondern auch, welche Folgen dies für Europa insgesamt haben könnte. Denn für die EU ist Großbritannien einer der wichtigsten Handelspartner. Immerhin 53 Prozent der britischen Importe stammen vom europäischen Festland.

Mancher Marktbeobachter definiert den Brexit sogar als Tail-Risk, das erhebliche Auswirkungen auf die internationalen Finanzmärkte haben könnte. Auch der Internationale Währungsfonds warnt in seinem aktuellen World Economic Outlook vor „erheblichen regionalen und globalen Schäden“. Darin wird neben der schwächeren Wachstumsdynamik in China und der Flüchtlingskrise vor allem die Brexit-Gefahr als Grund für die eher gedämpften globalen Aussichten genannt.

Die seit Anfang 2015 geführte Debatte hat bereits ein Zittern bei Aktienanlegern ausgelöst. Um fast 12 Prozent ist der britische Leitindex FTSE 100 innerhalb eines Jahres gefallen. Mit ebenfalls 12 Prozent bewegt sich die Volatilität der britischen Währung auf einer Ebene, wie sie zuletzt im Zeitraum 2010 bis 2011 während der Krise der Staatsanleihen und Banken in der Eurozone zu beobachten war. Dies legt nahe, dass die Einstellung der Anleger zum Pfund Sterling ausgesprochen gedrückt ist.

Pessimistisch ist auch Robert Beer. Dabei steht für ihn die Frage „Bleiben oder gehen die Briten?“ gar nicht mal im Mittelpunkt. Der Manager des Lux Topic Aktien Europa erkennt eher grundsätzliche Faktoren in der Mentalität und Unternehmenskultur, die seines Erachtens hinderlich für eine langfristig positive Entwicklung der britischen Wirtschaft sind und ihn auf Abstand zu Insel-Aktien gehen lassen.

Ganz pragmatisch zeigt sich hingegen Luca Simoncelli. Der Manager des Uni-Global Cross Asset Navigator von Unigestion sieht einem möglichen EU-Ausstieg Großbritanniens gelassen entgegen. Er ist davon überzeugt, dass es ein „Leben nach dem Brexit“ geben würde und die Angelsachsen wirtschaftlich stark genug sind, um eine neue Rolle in einem Europa zu übernehmen, in dem keiner auf den anderen verzichten wolle und könne.



Quelle: Bloomberg