Rohstoffmarkt Was bedeutet teures Öl für Aktien und Anleihen?

Petrobras-Bohrplatfform P-52 im Meer vor Rio de Janeiro: Ein Barrel Öl ist seit einigen Wochen so teuer wie seit mehreren Jahren nicht mehr. | © Getty Images

Petrobras-Bohrplatfform P-52 im Meer vor Rio de Janeiro: Ein Barrel Öl ist seit einigen Wochen so teuer wie seit mehreren Jahren nicht mehr. Foto: Getty Images

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Kristina Hooper, Globale Chef-Marktstrategin bei Invesco

Seit einigen Wochen ist ein Barrel Öl so teuer wie seit mehreren Jahren nicht mehr. Ein höherer Ölpreis kann unterschiedliche Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben. Meiner Ansicht nach sollten sich Investoren darauf einstellen, dass der Ölpreis die Aktienkurse indirekt unter Druck setzen könnte. Seit einigen Wochen ist ein Barrel Öl so teuer wie seit mehreren Jahren nicht mehr.

In letzter Zeit bin ich häufiger gefragt worden, was das für die Aktienmärkte bedeutet. Der Ölpreis kann zwar Auswirkungen auf bestimmte Marktsegmente und Branchen haben. Für erheblich bedeutender halte ich aber die potenziellen indirekten Auswirkungen — die unterschiedlicher Natur sein können.

Warum ist der Ölpreis gestiegen?

Der Ölpreis wird durch mehrere Faktoren beeinflusst. Ich werde mich hier auf einige wenige beschränken, die in jüngster Zeit besonders stark gewirkt haben. Der erste ist die vor kurzem getroffene Entscheidung der USA, das Atomabkommen mit dem Iran nicht zu verlängern. Dadurch kann der Iran jetzt kein Öl mehr an US-amerikanische Unternehmen verkaufen. Gleichzeitig drängt die US-amerikanische Regierung auch Unternehmen aus der Europäischen Union dazu, kein iranisches Öl mehr zu kaufen. Das könnte bedeuten, dass der Iran weltweit kaum noch Abnehmer für sein Öl findet, wodurch das globale Angebot schrumpfen und der Preis steigen würde.

Der zweite Faktor ist die Verschlimmerung der aktuellen Krise in Venezuela, durch die sich die Ölproduktion noch weiter verringert hat. Nach OPEC-Angaben war die venezolanische Ölförderung im März 2018 mit rund 1,4 Millionen Barrel pro Tag so gering wie zuletzt vor 30 Jahren. Die Ölförderung in diesem Land ist seit mehr als einem Jahr rückläufig, da Venezuela in einen immer tieferen Sumpf von Korruption, maroder Infrastruktur, massiver Inflation und nicht mehr zu bedienenden Schuldenbergen gerutscht ist.

Angesichts der Wiederwahl von Präsident Nicolas Madura am 20. Mai halte ich eine weitere Verschlechterung der Situation in Venezuela für wahrscheinlich. Sehr problematisch könnte das dadurch sein, da Venezuela einen größeren Anteil an den weltweiten Ölreserven hat als jedes andere Land.

Was bedeutet das für die Aktienmärkte?

Eine Frage, die mir in letzter Zeit häufig gestellt wurde, lautet: Was heißt das für die Aktienmärkte? Um derartige Fragen zu beantworten, schaut man sich am besten an, was in ähnlichen Situationen in der Vergangenheit passiert ist. Die Beziehung zwischen Ölpreis und globalen Aktienkursen hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark variiert. In manchen Phasen war die Korrelation positiv, in anderen negativ – und in den letzten drei Jahrzehnten war praktisch keine Korrelation festzustellen, berichtet Bloomberg.

Daraus schließe ich, dass es keine sehr ausgeprägte, allgemeingültige Beziehung gibt. Das wiederum bedeutet: Investoren sollten nicht davon ausgehen, dass ein höherer Ölpreis notwendigerweise schlecht für die Aktienmärkte ist. Die Entwicklung im Jahr 2010 verdeutlicht das sehr gut. Damals verteuerte sich Öl um rund 15 Prozent — von etwa 78 US-Dollar je Barrel für Rohöl der Sorte West Texas Intermediate im Januar 2010 bis auf 89 US-Dollar im Dezember 2010. Gleichzeitig legte der MSCI All Country World Index im Kalenderjahr 2010 um 12,67 Prozent zu, berichtet MSCI (in US-Dollar). Zu erklären ist das dadurch, dass die Aktienkurse durch viele unterschiedliche Faktoren bestimmt werden — darunter die Geldpolitik, die sehr großen Einfluss haben kann.

Infografik: Das kostet Rohöl | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista
Die Preise pro Barrel (159 Liter) Rohöl betragen aktuell 76,40 US-Dollar (OPEC-Basket) beziehungsweise 79,50 (Brent) und 71,60 (West Texas Intermediate). Stand: 24.05.2018; Quelle: TECSON

Dagegen zeigte der Ölpreis eine sehr viel deutlichere Beziehung zu bestimmten Marktsegmenten und Branchen — vor allem zum Energie- und Transportsektor. Außerdem werden Aktien aus ölimportierenden Ländern tendenziell stärker durch einen höheren Ölpreis belastet, während Aktien aus ölexportierenden Nationen von höheren Ölnotierungen eher profitieren (Quelle: US Energy Information Administration, „Oil Prices and Stock Markets“ Researchpapier, Stavros Degiannakis, George Filis und Vipin Arora, Juni 2017).

Gleichzeitig dürfte ein sehr hoher Ölpreis eine erhebliche Belastung für Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen darstellen und damit auch Folgen für Teile des zyklischen Konsumsektors haben.