Volkswirte über die Zukunft Europas: „Deutschland ist auf einem guten Weg“

Das EU-Hauptquartier in Brüssel

Das EU-Hauptquartier in Brüssel

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DAS INVESTMENT.com: Kommt die Inflation zurück?

Thomas Straubhaar: Die für dieses Jahr und 2011 erwartete mäßige Erholung in Europa bedeutet, dass die Kapazitäten weiterhin unterausgelastet bleiben und dass sich das auch nur langsam ändern wird. Überdies entwickeln sich die Löhne in Europa wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit sehr moderat. Von daher sind die Spielräume für höhere Preise zunächst gering. Auf längere Sicht gibt es wegen der expansiven Geld- und Fiskalpolitik gleichwohl Risiken. Inflation würde einsetzen, wenn die Konjunktur kräftig anzieht, zumal dann auch die Rohstoffpreise deutlich steigen werden. Die künftige Inflationsgefahr hängt zudem davon ab, wie der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik gelingt. In der Vergangenheit passierte das meist erst verzögert.

Jörg Krämer: Hinter uns liegt die schwerste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften ist geschwächt. Deshalb sind die Lohnzuwächse in allen Industriestaaten deutlich zurückgegangen. Das ist das Hauptargument dafür, dass der Inflationsdruck nicht nur niedrig bleiben sollte, sondern in diesem und im kommenden Jahr durchaus noch etwas sinken kann. Langfristig sehe ich allerdings eine höhere Inflation, weil die Zentralbanken die überschüssige Liquidität nicht vollständig einsammeln werden und wir in ein paar Jahren mit einer zu hohen Geldmenge in den nächsten Aufschwung gehen.
DAS INVESTMENT.com: Panische Anleger flüchten in Gold. Machen diese Menschen einen Fehler?

Marco Bargel: Vor der Krise war ein schwacher US-Dollar Hauptgrund für einen steigenden Goldpreis. Jetzt dominieren die Sorge vor ausufernder Geldentwertung und die Flucht in vermeintlich sichere Realwerte. Wir halten den Goldpreis aus fundamentaler Sicht für zu hoch und rechnen noch auf Jahressicht mit einer moderaten Abwärtskorrektur.

Norbert Braems: Gold ist in der Anschaffung teuer, wird nicht verzinst und kann sehr volatil sein. Wir empfehlen Goldanlagen nur als Beimischung für Anleger, die sich aus Sorge vor Inflation oder einem Wirtschaftszusammenbruch schützen wollen. Zurzeit spricht der Trend für das Investment.

Jörg Krämer: Die Zentralbanken sind nah an die Politik gerückt, in vielen Ländern kaufen sie Staatsanleihen. Langfristig droht eine höhere Inflation. All das spricht grundsätzlich für Gold. Anleger sollten allerdings beachten, dass zuletzt viele spekulative Anleger in Gold investiert haben. Der Goldpreis könnte kurzfristig fallen, bevor er seinen Aufwärtstrend wieder aufnimmt.

DAS INVESTMENT.com: Werden die Staaten ihre Sparprogramme wirklich durchziehen können? Kann die Wirtschaft überhaupt überleben, ohne dass der Staat stimuliert?

Wolfgang Pflüger: Es hat sich gezeigt, dass Steuererhöhungen grundsätzlich schädlich sind. Sie beschneiden einerseits direkt die Kaufkraft der Bürger und fördern andererseits Ausweichmanöver wie Schwarzarbeit bei Mehrwertsteuer-Anhebungen. Ausgabenkürzungen reduzieren idealerweise die Rolle des Staates, setzen private Kapitalverwendungsspielräume frei und fördern so das Wachstum. Deutschland scheint somit auf einem guten Weg zu sein.

Burkhard Allgeier: Untersuchungen zeigen, dass Ausgabenkürzungen das Wachstum nur vorübergehend belasten. Auf mittlere Sicht ist die Wachstumsrate in Ländern, die Ausgaben kürzen, höher als in Ländern, die Steuern anheben. Dauerhafte staatliche Ausgabenprogramme hingegen erhöhen die Verschuldung. Sie liefern, wie das japanische Beispiel zeigt, immer geringere konjunkturelle Impulse.

DAS INVESTMENT.com: Wie lassen sich fiskal- und wirtschaftspolitisch so unterschiedliche Volkswirtschaften in Europa unter einen Hut bringen?

Wolfgang Pflüger: Vielleicht brauchen wir ihn nicht, werden aber wohl nicht umhin kommen: einen europäischen Währungsfonds, um schwächelnde Euro-Mitglieder ohne Verzug stützen zu können. Eine zentrale Wirtschafts- und Finanzkommission, um einheitliche Entscheidungsprozesse von oben einleiten zu können. Das Subsidiaritätsprinzip hat versagt.

Burkhard Allgeier: Eine auf Reduzierung der Verschuldung ausgerichtete Finanzpolitik steht an erster Stelle. Hierzu sollte ein europäischer Konsolidierungspakt geschaffen werden. Er hätte verbindliche Ausgabenpläne festzulegen und würde bei Verletzungen zu automatischen Steuererhöhungen führen. Er hätte die Kompetenz, neu begebene Staatsanleihen zu garantieren und müsste – als Ultima Ratio – ein Regelwerk für eine geordnete Insolvenz von Staaten schaffen.