AB-Anleihenspezialist John Taylor „Der Markt unterschätzt, wie schnell die EZB die Zinsen anheben könnte“

John Taylor, Portfolio Manager bei AB London

John Taylor, Portfolio Manager bei AB London

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DAS INVESTMENT.com: Wir haben in den vergangenen Monaten eine Börsenrally gesehen, die stark von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten befeuert wurde. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen oder steht das Ende des steilen Aufwärtstrends bevor?

John Taylor: Als Trump die Wahlen gewonnen hat, haben viele Marktteilnehmer stark auf ihn gesetzt und gehofft, dass sein Amtsantritt die Wirtschaft beflügelt. Im Laufe der letzten Monate hat der Markt aber begonnen, das infrage zu stellen: Trump stößt immerhin auf einige Widerstände, auch im US-Kongress. Insgesamt sehen wir das Wachstum auf einem guten Weg. Nicht außerordentlich schnell, aber ganz in Ordnung – und das ziemlich synchron auf der ganzen Welt, nicht nur in den USA.

Wie lange wird die lockere Geldpolitik vieler Notenbank dann noch anhalten – ist es nicht langsam Zeit für eine Zinswende – nicht nur in den USA?

Taylor: Der monetäre Zyklus bewegt sich definitiv seinem Ende entgegen. Die nächste Rezession steht in vielleicht ein oder zwei Jahren bevor. Die Notenbanken beginnend mit der Fed werden jetzt die Zinsen moderat anheben. Gegen Ende dieses Jahres wird die Fed damit beginnen, die Bilanzsumme zu verkleinern, die sich mit der lockeren Geldpolitik ausgedehnt hat. Das gleiche wird auch in Europa kommen. Der Markt unterschätzt möglicherweise, wie schnell die Europäische Zentralbank auf den Gegenkurs einschwenken und die Zinsen wieder anheben könnte.

Wann sehen Sie diesen Zeitpunkt in der Eurozone gekommen?

Taylor: Die meisten Marktteilnehmer gehen davon aus, dass das nicht vor der ersten Jahreshälfte 2018 geschehen wird. Wir dagegen glauben entgegen dem europäischen Konsens, dass die Zinsen in der Eurozone schneller wieder steigen werden. Schon in ihrer Junisitzung könnte die EZB ein mögliches Tapering zu Jahresende andeuten. Die Zinsen werden im Zuge des QE-Programms ja künstlich niedrig gehalten. Wenn das ausläuft, könnten wir eine größere Zins-Korrektur erleben.

Südeuropäischen Staaten wie Griechenland oder Italien könnten dann allerdings wegen ihrer hohen Verschuldung in Bedrängnis geraten. Ist es nicht zu früh für ein Tapering?

Taylor: Griechenland müssen wir mal außen vor lassen, weil dem Land Schulden über einen langen Zeitraum gewährt wurden. Griechenland ist daher nicht unbedingt von Marktpreisen abhängig. Aber für Italien könnte es tatsächlich zu früh sein. Die italienischen Zinsen und Spreads könnten negativ reagieren. Möglicherweise wird die EZB dann auch wieder zurückrudern müssen. Aber die EZB wird unseres Erachtens mit dem Tapering trotzdem nicht abwarten. Eher wollen die Währungshüter ausloten, wie weit sie gehen können.