Investmentchef von Deutsche Asset Management Stefan Kreuzkamp: „Noch mal 3 oder 4 Prozent Wachstum – dann ist das Limit erreicht“

Stefan Kreuzkamp ist Investmentchef und Leiter für Deutschland und den Emea-Raum bei Deutsche Asset Management. Kreuzkamp steht außerdem dem Bereich Aktives Management vor

Stefan Kreuzkamp ist Investmentchef und Leiter für Deutschland und den Emea-Raum bei Deutsche Asset Management. Kreuzkamp steht außerdem dem Bereich Aktives Management vor

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DAS INVESTMENT.com: Die Europäische Zentralbank scheint nach wie vor weit von einer Zinserhöhung entfernt zu sein. Viele Marktbeobachter kritisieren, dass die EZB ein Umfeld schafft, das für Wirtschaft und Finanzen auf Dauer schädlich ist. Hat es Mario Draghi Ihrer Meinung nach vermasselt?

Stefan Kreuzkamp: Die Zinspolitik der EZB der letzten Jahre hat auf jeden Fall etwas gebracht. Dafür haben wir sogar den empirischen Beweis: Spanien wächst mit 3 Prozent, Irland mit 6 Prozent. Allerdings sehen viele Beobachter die europäische Rettungspolitik skeptisch, weil sie mit Austerität verbunden war. Staatshaushalte sollten ausgeglichen werden. Das hat soziale Kosten nach sich gezogen: Wir haben nach wie vor 9,6 Prozent Arbeitslosigkeit innerhalb der Eurozone, in Spanien sind es 18, in Griechenland sogar 23 Prozent.

Viele Menschen in Europa fühlen sich benachteiligt und wenden sich Populisten zu. Ist das sozusagen ein Kollateralschaden der EZB-Politik?

Kreuzkamp: Die hohe Arbeitslosigkeit ist ein Grund für steigenden Populismus in Europa. Menschen lehnen die europäische Wirtschaft und Geldpolitik ab. Andererseits haben wir der europäischen Geldpolitik viel zu verdanken. Wenn die EZB nicht über ihre Kaufprogramme das Zinsniveau künstlich niedrig halten würde, gäbe es noch größere Probleme. Wir haben ausgerechnet, was 50 Basispunkte höhere Leitzinsen innerhalb der Eurozone kosten würden: Sie hätten 50 Milliarden Euro höhere Staatsausgaben allein für Zinszahlungen zur Folge. Das können wir uns gar nicht leisten. Die Zinspolitik der EZB funktioniert also im Prinzip. Sie wird allerdings nicht von den nötigen zusätzlichen Maßnahmen flankiert.

Was meinen Sie genau?

Kreuzkamp: Es fehlen politische Maßnahmen, etwa zur Reduzierung der Schulden. Die Schulden der Eurozonen-Staaten sind in den letzten zehn Jahren stark gestiegen, gerade in Südeuropa. Italien hat eine Staatsschuldenquote von aktuell 133 Prozent. Allein dank der geldpolitischen Maßnahmen ist die Refinanzierung von solchen Ländern kein Problem. Insofern müssen wir uns erstmal weiter auf das niedrige Zinsniveau einstellen.

Wann könnte Ihrer Meinung nach auch in Europa eine nachhaltige Zinswende kommen?

Kreuzkamp: Die EZB könnte frühestens Ende dieses Jahres ein Tapering andeuten und frühestens 2018 ihr Anleihen-Kaufprogramm einstellen. Frühestens 2019 könnte sie an der Zinsschraube drehen und 2020 einen zweiten Zinsschritt machen. Insofern: Die böse Null wird uns noch mindestens zwei Jahre erhalten bleiben.

In den USA hat man das auch lange gesagt – bis Donald Trump gewählt wurde. Plötzlich drehte sich die Stimmung. Die Fed kommuniziert seither deutlich, dass sie weitere Zinsanhebungen plant. Alle Vorsicht scheint vergessen zu sein.

Kreuzkamp: In den USA ist das aus der ökonomischen Brille heraus betrachtet auch in Ordnung. Es herrscht quasi Vollbeschäftigung. Die Inflation ist unter Kontrolle und die Wirtschaft wächst. Es gibt keinen Grund, warum die Zinsen nach wie vor nahe null sein sollten. Die Fed-Chefin Janet Yellen hat das geschickt moderiert: Ohne dass die Märkte großartige Verwerfungen gesehen haben, hat sie 2015 und 2016 je einen Zinsschritt gemacht. Wir erwarten jetzt noch zwei weitere Anhebungen 2017 und vielleicht drei oder vier 2018.

Ein Problem ist allerdings, dass nach der Wahl Donald Trumps am 7. November alles sehr schnell ging. Die Märkte haben in diese Wahl steigende Inflationserwartungen und steigende Realzinsen hineininterpretiert. Trump hatte ja angekündigt, viel Geld auszugeben, um die Wirtschaft weiter in Schwung zu halten.