Assenagon-Chefökonom Martin Hüfner „Konjunktureinbruch stärker als gedacht“

Assenagon-Chefökonom Martin Hüfner: „Aus meiner Sicht kommen die ersten größeren Ein­schläge, wenn die Dividendensaison vorbei ist.“ | © Assenagon

Assenagon-Chefökonom Martin Hüfner: „Aus meiner Sicht kommen die ersten größeren Ein­schläge, wenn die Dividendensaison vorbei ist.“ Foto: Assenagon

Gavyn Davies ist ein bunter Vogel unter den internationalen Ökonomen. Er war viele Jahre Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Dann wurde er Chairman des britischen Rundfunk-senders BBC. Schließlich gründete er einen Hedge-Fonds, der aufgrund von makroökonomische Fundamentaldaten investiert. Was er zu diesem Job braucht, sind Analysen, die ein bisschen besser sind als das, was üblicherweise am Markt zu lesen ist. Es lohnt sich daher, ihm zuzuhören. Vor zwei Wochen stieß ich in seinem Blog auf eine interessante These.

„Wir sollten daher nicht darauf vertrauen, dass die optimistischen Konjunkturprognosen, die derzeit zu hören sind, auch tatsächlich wahr werden.“

Ausgangspunkt für Davies' Analyse ist die Abschwächung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität im Euroraum im ersten Quartal. Noch liegen dazu nur wenige amtliche Zahlen vor. Sie zeigen eine deutliche, aber keineswegs dramatische Verringerung des BIP-Wachstums. In Frankreich etwa hat sich das Expansionstempo im ersten Quartal von 0,7
auf 0,3 Prozent reduziert, in Österreich von 0,9 Prozent auf 0,7 Prozent. In Deutschland und im Euroraum insgesamt dürfte die Ent­wicklung ähnlich verlaufen sein.

Die üblichen professionellen Konjunkturbeobachter und auch die amtlichen Stellen sind dadurch nicht besonders alarmiert. Sie sehen darin eine normale Schwankung inner­halb des Aufschwungs. Ihre Prognosen für die Konjunktur in diesem Jahr haben sie in den letzten Wochen nicht nach unten angepasst, sondern eher noch einmal nach oben re­vidiert. Zuletzt tat das der Internationale Währungsfonds. EZB-Präsident Draghi nannte die Entwicklung in seiner Pressekonferenz vorige Woche immer noch ein „solides und breit basiertes Wachstum“.

Gavyn Davies gab sich mit solchen Einschätzungen nicht zufrieden. Er bohrte tiefer und kam zu einem anderen Er­gebnis. Er griff dabei zurück auf moderne Analysemetho­den, die in letzter Zeit in den USA zunehmend Verbreitung finden (das sogenannte Nowcasting). Sie erlauben eine sehr viel detailliertere Betrachtung der Entwicklung im Ver­lauf eines Quartals.

Dabei zeigt sich, dass das reale Wachstum im Euroraum in den vergangenen Monaten regelrecht abgestürzt ist (siehe durchgezogene Linie in der Grafik). Im Januar lag die Bip-Zunahme bei einer Jahresrate von 3,7 Prozent. Anfang April be­trug sie nur noch 1,2 Prozent. Das gilt für alle größeren Staa­ten des Euroraums. Die Zahlen beruhen natürlich auf Schät­zungen. Sie sind nicht sicher. Sie sind aber nicht aus der Luft gegriffen. Sie lassen sich mit vielen Indikatoren bele­gen. In Deutschland sind etwa Auftragseingänge und Pro­duktion der Industrie zurückgegangen. Der Export war schwächer. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat sich drastisch verringert.

Grafik: Wachstum in der Eurozone

Quelle: Fulcrum Asset Management

Diese Entwicklung hat auch mich überrascht. Noch vor ein, zwei Monaten gingen alle von einer unverändert guten Kon­junktur aus. Wie kam es zu dem Umschwung? Vier Gründe fallen mir dazu ein. Das eine sind temporäre Sonderfakto­ren. Das sind etwa die Grippewelle oder das besonders kalte Wetter im März. Dazu kommen die Streiks, die lange und quälende Regierungsbildung in Deutschland und vielleicht auch noch die kalendarisch frühe Lage des Osterfestes. Wenn es diese Dinge wären, die uns im ersten Quartal be­lasteten, dann könnten wir aufatmen. Dann würde das zwei­te Quartal wieder besser.

Es waren aber nicht nur diese Gründe. Hinzu kamen schlechtere monetäre Bedingungen. Die EZB hat ihre Wert­papierkäufe von ursprünglich 80 Milliarden Euro sukzessive auf zunächst 60 Milliarden Euro und seit Januar auf 30 Milliarden Euro zu­rückgeführt. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen ist bin­nen Jahresfrist nominal von 0,3 auf 0,6 Prozent gestiegen. Hin­zu kommt die Aufwertung des Euros auf den Devisenmärk­ten. Vor einem Jahr notierte der US-Dollar noch bei 1,07 US-Dollar je Euro, heute liegt er bei 1,20 US-Dollar je Euro.

Hinzu kommt, dass sich das Klima in der Weltwirtschaft ver­schlechterte. Zwar expandiert der Welthandel weiter. Ameri­ka, China und eine Reihe von größeren Schwellenländern wachsen. Was aber belastet, sind die Unsicherheiten über protektionistische Maßnahmen. Bisher ist Europa davon noch nicht stärker betroffen (außer durch die Sanktionen gegenüber Russland). Aber allein die Drohungen beein­trächtigen das Wirtschaftsklima. Es ist kaum zu erwarten, dass das in den kommenden Monaten besser wird. Eher wird es schlechter.

Schließlich sind in einigen Bereichen der Wirtschaft die Ka­pazitätsgrenzen erreicht. Auch wenn die Unternehmen vom Markt her Wachstumsmöglichkeiten hätten, können sie sie nicht wahrnehmen, weil es an Facharbeitern und Maschinen fehlt. Das gilt zum Beispiel für große Bereiche der Bauwirt­schaft in Deutschland.

Keiner der Gründe bewirkt für sich genommen eine Rezes­sion. Wenn man sie jedoch alle zusammennimmt, dann er­gibt sich eine Mischung, die schon unangenehm ist. Wir sollten daher nicht darauf vertrauen, dass die optimistischen Konjunkturprognosen, die derzeit zu hören sind, auch tat­sächlich wahr werden. Viel spricht dafür, dass das Wachs­tum sowohl in Deutschland als auch im Euroraum in diesem Jahr kaum über die 2 Prozent in diesem Jahr hinaus geht. Das zweite Quartal 2018 wird – anders als viele erwarten – kei­ne Rückkehr zu höherem Wachstum bringen.

Wichtig für Anleger

Die Aktienmärkte haben sich zuletzt ganz stabil gehalten. Wenn die Konjunktur aber nicht mehr so gut läuft, dann nimmt die Widerstandskraft der Finanzmärkte gegenüber externen Schocks ab. Die Schwankungen der Kurse werden größer. Der Aufwärtstrend verliert an Kraft. 2018 wird damit nicht das gute Aktienjahr, das wir uns ursprünglich erwartet hatten. Das hat sich schon in den letzten Monaten angedeu­tet. Aus meiner Sicht kommen die ersten größeren Ein­schläge, wenn die Dividendensaison vorbei ist.