Bernd Raffelhüschen „Jedem Deutschen fehlen im Alter durchschnittlich 660 Euro pro Monat“

Bernd Raffelhüschen: Der Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg präsentiert heute die Studie „Vorsorgeatlas 2017“ der Fondsgesellschaft Union Investment. | © Union Asset Management Holding AG

Bernd Raffelhüschen: Der Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg präsentiert heute die Studie „Vorsorgeatlas 2017“ der Fondsgesellschaft Union Investment. Foto: Union Asset Management Holding AG

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DAS INVESTMENT: Was bedeutet die anhaltende Niedrigzinsphase in der Eurozone für die private Altersvorsorge der Deutschen?

Bernd Raffelhüschen: Eigentlich bedeutet es nur, dass man sich von dem verabschieden muss, was sowieso schon immer falsch war. Früher legte man alles Geld „einfach und risikolos“ in Staats- beziehungsweise Bundesanleihen an und konnte zusehen, wie sich sein Geld – zumindest nominal – in rund zehn Jahren verdoppelte. Heute würde das angesichts der Zinssituation über 100 Jahre dauern und falsch war es schon immer, alles auf eine Karte zu setzen.

Trotz der Zinsentwicklung fällt es deutschen Anlegern immer noch sehr schwer, sich von ihrem tradierten Sparverhalten zu lösen. Nach wie vor liegen über 80 Prozent des liquiden Vermögens deutscher Privathaushalte in Einlagen, festverzinslichen Wertpapieren oder kapitalbildenden Versicherungen – also liegen alle Eier quasi in einem Korb, der keine Erträge mehr erwirtschaftet. Viel sinnvoller ist es, seine Geldanlagen breit zu streuen. Die Menschen brauchen eine richtige Mischung aus festverzinslichen Anlagen, Unternehmensbeteiligungen und Immobilien. Gerade bei der Altersvorsorge mit den entsprechend langen Laufzeiten sollten also Aktien eine wesentliche Rolle spielen und wer heute keine hat, hat früher einen Fehler gemacht.

Welche Einbußen müssen dann Durchschnittsverdiener ohne private Altersvorsorge beim künftigen Lebensstandard erwarten?

Wie wir im aktuellen Vorsorgeatlas Deutschland berechnet haben, erhalten die heute 20- bis 65-jährigen Versicherten über die staatliche Grundabsicherung im Durchschnittlich bei Renteneintritt ein Alterseinkommen in Höhe von fast 50 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens. Um den gewohnten Lebensstandard auch im Alter weiterzuführen, wären aber mindestens 60 Prozent nötig. Im Durchschnitt fehlen den Menschen somit rund 660 Euro im Monat.

Allerdings weisen die verschiedenen Altersgruppen dabei jedoch deutliche Unterschiede auf. So erzielen die heute 50- bis 65-Jährigen mit 63 Prozent im Durchschnitt eine deutlich höhere Ersatzquote als die beiden jüngeren Altersklassen und müssen in der Regel nur noch für den „Sahneschaum des Lebens“ zusätzlich sparen.

Die 35- bis 49-Jährigen erreichen hingegen nur eine durchschnittliche Quote von 44 Prozent. Und wer heute 20 bis 34 Jahre alt ist, verfügt im Alter im Schnitt lediglich über 40 Prozent seines letzten Bruttoeinkommens wenn er keine Vorsorge in der zweiten und dritten Schicht betreibt.

Die daraus resultierenden durchschnittlichen Versorgungslücken in der jüngsten und mittleren Altersgruppe betragen 801 beziehungsweise 771 Euro monatlich und untermauern, dass insbesondere die jüngeren Generationen neben der ersten Schicht auch zwingend in der zweiten und dritten Schicht Vorsorge betreiben müssen, um ihren Lebensstandard im Alter zu halten.