Deutscher Mittelstand Digitalisierung statt rauchender Schlote

Ingo Koczwara, Portfoliomanager bei der Privatbank Berenberg

Ingo Koczwara, Portfoliomanager bei der Privatbank Berenberg

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Aber auch die Industrie 4.0 bietet reichlich Potenzial, das die Mittelständler nutzen – sei es über Logistiksysteme, Lackierungsroboter oder Schließhilfen für den Kofferraum. Noch bezahlen wir im Supermarkt nicht per Fingerab-druck auf unserem Smartphone. Das dürfte aber in wenigen Jahren soweit sein. Der technologische Fortschritt ist in vollem Gange. Alles, was mit den Themen Digitalisierung und Online-Medien zu tun hat, wächst sehr stark – egal in welchem Lebens- oder Geschäftsbereich. Diese Themen sieht Berenberg als die stärksten Treiber für deutsche Nebenwerte. Denn der deutsche Mittelstand mit seiner Innovationskraft spielt hier eine Vorreiterrolle. Als Beispiel sei das bayerische Unternehmen Wirecard genannt, das Bezahlsysteme fürs Internet und für Mobilgeräte anbietet. Hier stimmen nicht nur die Aussichten, sondern auch die aktuellen Zahlen. In diesem Jahr ist das Unternehmensergebnis um über 30 Prozent gewachsen und die Gewinnerwartungen wurden zweimal angehoben.

Langfristig liegt die Wertentwicklung des Nebenwerte-Index M-Dax deutlich über der Performance vom Standard-werte-Index Dax. In den ersten elf Monaten 2016 zeigte sich dieses Verhältnis nicht ganz so klar. Indizes liefern aber ohnehin nur Durchschnittswerte. Der Geschäftserfolg der einzelnen Unternehmen weicht stark voneinander ab. Daher ist es unerlässlich, sich die Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle genau anzuschauen.

Einige Autolieferer wurden zu Unrecht in Sippenhaft genommen

Wie wichtig ein genauer Blick ist, zeigt sich aktuell auch in der Automobilindustrie. Die Unsicherheit rund um den Sektor erwies sich in diesem Jahr als Bremse für eine Kursrallye. Der klare Trend zur Elektromobilität wird für starke Verschiebungen sorgen. Betroffen sind nicht nur die großen Kfz-Hersteller, die neue Konkurrenten wie Google oder Apple bekommen. Auch viele Autozulieferer aus der zweiten Börsenreihe müssen umdenken, einige Geschäftsmodelle haben kaum noch Zukunft. Für andere sind die Aussichten allerdings bestens. In den vergangenen Monaten wurde der gesamte Sektor in Sippenhaft genommen. Das hat gute Kaufgelegenheiten bei Zulieferern geboten, die zu Unrecht abgestraft wurden.

Zu den zehn größten Positionen im Portfolio des Berenberg Fonds zählt beispielsweise der Autozulieferer Dürr. Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Lackierungsroboter und hat einen Marktanteil von über 70 Prozent.

Ein strukturelles Wachstumspotenzial ist entscheidend. Es kommen nur Firmen in das Fondsportfolio, die von einem strukturellen Trend, etwa durch Veränderungen in der Gesellschaft oder bei Produktionsprozessen, profitieren. Das liefert Sicherheit für eine erhöhte Nachfrage über die nächsten drei bis fünf Jahre oder noch länger. Wir mögen Unternehmen, die mit jährlich zehn Prozent oder mehr wachsen können.

Industrie 4.0 bietet attraktives Wachstumspotenzial

Rund die Hälfte des Portfolios besteht aus Industriewerten. Der Sektor ist sehr breit gefasst. Industrie ist vielmehr als rauchende Schlote, das Stichwort Industrie 4.0 bestimmt heute die Branche. Industrieunternehmen haben sich weiterentwickelt. Jungheinrich beispielsweise verbinden viele immer noch mit Gabelstaplern. Sein Umsatzwachstum generiert das Unternehmen allerdings mittlerweile mit Logistiksystemen für Warenlager, einem Geschäftsfeld mit guten Wachstumsaussichten.

Das wirtschaftliche Umfeld für deutsche Nebenwerte ist ungebrochen gut. Auch wenn die Wachstumserwartungen in Deutschland für 2016 etwas gesunken sind, wächst die Wirtschaft. Und das ist entscheidend für steigende Unternehmensgewinne. Auf externe Ereignisse, wie zuletzt die US-Wahlen, reagieren zwar auch die Kurse der deutschen Nebenwerte. Die Geschäftsmodelle sind davon aber kaum betroffen. Das Gros des deutschen Mittelstands ist weniger von globalen Entwicklungen, sondern von der deutschen und der europäischen Wirtschaft abhängig. China und andere Emerging Markets dienen zwar als Produktionsstandort, der Hauptumsatz erfolgt jedoch im europäischen Binnenmarkt. Und ihre hohe Spezialisierung schützt die Unternehmen vor einem potenziell zunehmenden Protektionismus in den USA. Ihre Technologien, Produkte oder Dienstleistungen sind einzigartig und nicht einfach kopier- oder ersetzbar.

Gut positioniert ins zweite Fondsjahr

Das Portfoliomanagement startet daher voller Zuversicht mit seinem am 4. Dezember 2015 aufgelegten Fonds in das zweite Jahr. Es investiert schwerpunktmäßig in deutsche Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von unter fünf Milliarden Euro und einen Jahresumsatz von weniger als drei Milliarden Euro. Das Fondsvolumen ist seit Anfang des Jahres von 20 Millionen auf 52 Millionen Euro angewachsen. Es war sehr erfreulich zu sehen, dass erfahrene Kunden die langfristige Ausrichtung der Strategie verstanden, das Marktrauschen ausgeblendet und Rücksetzer bei den Kursen für Zukäufe genutzt haben. Im ersten Jahr konnte er seinen Vergleichsindex, den M-Dax, knapp schlagen und ist jetzt gut dafür positioniert, dass die derzeitige Seitwärtsbewegung bei den deutschen Nebenwerten in eine Aufwärtsbewegung umschwenkt.