Die Zombies kommen So groß ist das Störpotenzial der Künstlichen Intelligenz

 Dr. Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH

Dr. Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH

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In der angelsächsischen Philosophie spielen Zombies eine große Rolle. Philosophische Zombies, gerne auch p-Zombies genannt, sehen oft leicht vermodert aber sonst ganz normal aus, reden ganz normal, erzählen über ihre Gefühle und Erfahrungen, reagieren ganz normal auf äußere Umstände, die Schmerz oder Frohsinn verursachen. Von uns unterscheidet sie die Unfähigkeit, bewusst Erfahrungen und Empfindungen (Qualia) zu erleben. Wenn p-Zombies auf einen rostigen Nagel treten, tut es ihnen nicht weh, aber sie können sich genauso verhalten, als würden sie den Schmerz tatsächlich empfinden (z.B. im „Fluch der Karibik“). Sie können auch furchtbar verliebt rüberkommen ohne es zu sein (wie der weibliche Android Ava in „Ex Machina“), nur um dem Narren, der darauf hereinfällt, anschließend eine lange Nase zu drehen.

Diese Gedankenspiele dienen den einen als Beweis, dass Bewusstsein im Grunde überflüssig ist und wahrscheinlich überhaupt nicht existiert. Den anderen sind sie der Beweis des Gegenteils. So sind Philosophen eben. Dabei zeigen sie nur eines: Zombies sind viel besser als ihr Ruf. Zombies können durchaus fröhliche Gesellen oder schöne Frauen sein, je nachdem wie das Schicksal es mit ihnen meinte. Was mich unter praktischen Gesichtspunkten in diesem Zusammenhang umtreibt ist die Frage: Was unterscheidet den Zombie von der künstlichen Intelligenz (KI)?

Alexa und Siri sind längst in unser Leben eingedrungen

KI ist, wie ein normaler Zombie, nicht schmerzempfindlich, niemals ungeduldig oder beleidigt, hat keine Angst und kein Bewusstsein, und vor allem ist sie in vieler Hinsicht den Menschen weit überlegen. In Form von Alexa und Siri ist sie mit grundsympathischer Stimme längst in unser Leben eingedrungen. Sie macht meist, was sie soll und erleichtert uns insgesamt das Leben. Sie sorgt über Apps wie Replika dafür, dass wir immer unseren besten Freund in der Tasche haben, wenn wir uns mal wieder aussprechen wollen. Gewiss, gering qualifizierten Kassierern, Taxifahrern, Rechtsanwälten und Fondsmanagern wird sie zur ernsthaften Konkurrenz, aber in einigen Jahren wird diesen Berufen, soweit sie tatsächlich einfach genug waren, um automatisiert zu werden, niemand hinterhertrauern.

Ich erzähle die einprägsame Geschichte vom p-Zombie, um in Zeiten erhöhter Volatilität an den Märkten (gegen die grundsätzlich nichts einzuwenden ist) den geneigten Leser zu ermahnen, nicht den Focus zu verlieren. Die wesentlichen Geschichten sind nicht die täglichen Aufreger aus dem Weißen Haus. Das völlig geistlose (zombieartige?) Spiel mit Strafzöllen ist zunächst einmal nur das, was so oft schon aus dem Weißen Haus gekommen ist: Heiße Luft. Trump wird zwar Schaden anrichten, aber die Erwachsenen im Weißen Haus (d.h. die Generäle) werden das Schlimmste zu verhindern wissen. Wesentliche Geschichten sind auch nicht die Liebe einiger starker Männer aus gewissen zweit- und drittklassigen Regionalmächten zu ihren Raketen. Wesentlich ist auch nicht der Umstand, dass sich die globalen Aktienmärkte mittlerweile im Korrektur-Modus befinden (d.h. Verluste von über 10% zu beklagen haben). Diese Geschichten regen die Phantasie an und füllen daher leicht die Zeitungsspalten. Gebildete Investoren sollten sich davon aber nicht ablenken lassen.

Produktivitätsfortschritt wird durch die Automatisierung

Während das Verhältnis China/USA und der Anstieg der Zinsen immer wieder auf dem Radarschirm der Investoren auftauchen, wird das Thema KI noch immer seltsam unterschätzt. KI hat, wie der Zombie, ein erhebliches Störpotenzial. Durch die Techniken des Maschinenlernens können viele Dienstleistungen automatisiert werden. Bislang war im Wesentlichen die Produktion von Gütern dem Vormarsch der Maschinen ausgeliefert. Nun aber sieht es so aus, als würden immer mehr Jobs, in denen sich Menschen bislang für unersetzlich hielten, in absehbarer Zeit überflüssig. Seelenlosigkeit ist offensichtlich kein Hinderungsgrund für beruflichen Erfolg (was, nun ja, nicht eben neu ist). Die Fähigkeit, Muster in unstrukturierten Datenmassen zu erkennen, wird zunehmend zu einem entscheidenden Faktor, der über das Wohl und Wehe eines Unternehmens entscheidet. Denn wer diese Technik meistert, kann nicht nur Produktionsprozesse optimieren, sondern auch Dienstleistungen billiger und oft auch besser erbringen. Wer die Daten hat und damit umgeht wie ein Zombie, sitzt in Zukunft am längeren Hebel.

Ökonomen rätseln in den letzten Jahren immer wieder, warum die Produktivitätsfortschritt (und damit auch der Wohlstandsgewinn) in der westlichen Welt in den letzten Jahren so gering war. Und sie sehen nicht, wo ein künftiger Fortschritt herkommen soll. Die Antwort steht vermutlich bereits, in Form eines Zombie, im Raum. Der nächste große Produktivitätsfortschritt wird durch die Automatisierung erheblicher Teile des Dienstleistungssektors kommen.