Europa: „Ein Teil der Unternehmensgewinne sind auf Pump“

Georg Graf von Wallwitz, Eyb & Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz, Eyb & Wallwitz

// //

Die Hydra gehörte zu einer schwierigen Familie und hatte sicher auch eine schwere Jugend. Aufgewachsen ist sie in den Sümpfen von Lerna, am halkyonischen See, welcher nach Pausanias grundlos war und als Eingang zur Unterwelt diente. Sie hatte gewöhnungsbedürftige Geschwister, den Höllenhund Kerberos, die feuerspeiende Chimäre (nach Homer mit drei Köpfen ausgestattet) und die thebanische Sphinx.

Die Eltern haben sich wohl nicht viel gekümmert, wie es in dieser schlechten Gegend wahrscheinlich häufig vorgekommen ist, wie es aber auch in der Familie lag, war Hydras Großvater väterlicherseits doch der Unterweltsgott Tartaros und die Großmutter mütterlicherseits die schreckliche Medusa.

Ausgestattet war die Hydra mit neun Köpfen, deren mittlerer unsterblich war, während die übrigen die außerordentliche Eigenschaft hatten, dass zwei neue nachwuchsen, sobald einer abgeschlagen wurde. Sie galt als aggressiv und kam immer wieder an Land, um ganze Viehherden zu reißen und die Äcker zu verwüsten. Kein Wunder, dass Herkules persönlich antreten musste, um die Hydra zu besiegen.

Lehren aus der griechischen Mythologie

Die Zentralbanken haben in dieser Zeit ein ähnliches Anforderungsprofil wie Herkules. Sie müssen immer wieder die Zivilisation retten, mit jeder Rettungsaktion entstehen aber neue Probleme, deren  Wirkungen kaum absehbar sind. Um die Wirtschaft so gut es geht wieder in Schwung zu bringen, wurden die Zinsen praktisch bis auf den Nullpunkt gesenkt.

Aber was bedeutet das für den Geldmarkt, über den sich viele Firmen finanzieren? Wenn hier zu viele Anleger auf die Idee kommen, dass sich eine Anlage bei einer Verzinsung nahe Null nicht mehr lohnt, könnten interessante Dinge passieren.

Oder: Welches sind die Konsequenzen für Pensionsfonds oder die private Alterssicherung, wenn die versprochene oder vorgestellte Verzinsung nicht erwirtschaftet wird?

Oder, in Europa: Was ist, wenn die Aktionen der EZB zur Sicherung der Liquidität der Kapitalmärkte dazu führt, dass die Lateineuropäer auf Reformen verzichten? Und wenn in Europa der Hydra neue Köpfe nachwachsen, welche Mittel stehen der Zentralbank überhaupt noch zur Verfügung?

Ärger ist vorprogrammiert

Für eine kurze Weile schien es, als wäre Ruhe eingekehrt in Europa und als hätte die Wirtschaft in den USA sich erholt. Oberflächlich stimmt beides, aber ein neues Schlangenhaupt wächst nach: Die konjunkturellen Daten sind schlecht.

Global steigen die Lagerbestände und die Auftragseingänge fallen. Die Preise der konjunktursensiblen Rohstoffe wie Kupfer fallen ebenfalls deutlich, ebenso wie die Inflationserwartungen. In den USA und Europa ist die Inflation bei Konsumgütern auf ein Prozent gefallen.

China wirkt ebenfalls nicht mehr frisch. Entsprechend steigen die Kurse der sicheren Staatsanleihen. Das alles sind erprobte Anzeichen für bevorstehenden konjunkturellen Ärger.