„Hätten wir entsprechend unserer Aktienfavoriten umgeschichtet, wären wir jetzt bei einer Rendite von zirka 83 Prozent“

Corvin Schmoller

Corvin Schmoller

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DAS INVESTMENT.com: Bereits in Ihrer Magisterarbeit beschäftigen Sie sich mit kollektiver Intelligenz. Was verstehen Sie darunter?

Corvin Schmoller: Kollektive Intelligenz ist das Ergebnis komplexer Prozesse. Informationen, die von vielen Menschen stammen, werden gefiltert und ausgewertet, um intelligente Ergebnisse zu erzeugen. Dabei ist es wichtig, bestimmte Bedingungen bei der Informationsaufnahme und -auswertung einzuhalten. So dürfen sich die Gruppenmitglieder nicht gegenseitig beeinflussen. Außerdem müssen alle Informationen gleichwertig sein, ganz gleich, von wem sie stammen. Diese Vorgehensweise hilft, Fehlentscheidungen Einzelner auszusortieren. Schließlich kann niemand Experte auf allen Gebieten sein. Bei einer größeren Gruppe hingegen findet sich für jeden Bereich jemand, der sich damit sehr gut auskennt.

DAS INVESTMENT.com: Ist kollektive Intelligenz also so etwas wie die Schwarmintelligenz?

Schmoller: Nein, auf keinen Fall.

DAS INVESTMENT.com: Und wo liegt der Unterschied?

Schmoller: Schwarmintelligenz spielt sich in Gruppen ab, deren Mitglieder miteinander in Kontakt stehen und sich so gegenseitig massiv beeinflussen können. Im Schwarm folgen Personen einander. Fehlentscheidungen Einzelner können nicht so effektiv aussortiert werden. Dies kann zu Fehlerkaskaden führen, die sich durch die Menge ziehen.

DAS INVESTMENT.com: Wo kommt der Begriff kollektive Intelligenz her und in welchen Bereichen wurde er bisher erfolgreich angewandt?

Schmoller: Der Begriff kommt vom lateinischen „collectivus“, das bedeutet „angesammelt“. Bekannte Arbeiten in diesem Bereich stammen vom kanadischen Professor Pierre Levy, der sich mit der Frage beschäftigt, wie das Internet die sozialen Beziehungen verändert. Aktuelle Untersuchungen zum Thema zum Beispiel von James Surowiecki, Gerd Gigerenzer und Robin Hogarth präzisieren die Voraussetzungen für kollektive Intelligenz und ihre Nutzungsformen. DAS INVESTMENT.com: Ist kollektive Intelligenz also eine moderne Erscheinung? Schmoller: Nein, neu ist das Phänomen nicht. So führte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Francis Galton ein Experiment durch, bei dem kollektive Intelligenz eine Rolle spielte. Auf einem Jahrmarkt beobachtete er eine Wette zur Schätzung des Gewichts eines Ochsen, sammelte die Einzelschätzungen des Publikums und errechnete daraus anschließend den Mittelwert. Das Ergebnis: Obwohl viele einzelne Schätzungen teilweise weit daneben lagen, wich das gemeinsame Ergebnis gerade einmal ein Pfund von dem tatsächlichen Gewicht ab. Auch in anderen Bereichen, wo es um Schätzungen von zum Beispiel Größen, der Beantwortung von Fragen oder um Prognosen geht, kann kollektive Intelligenz erfolgreich eingesetzt werden. Im Finanzmarkt dagegen waren komplexe Nutzungs- und Verwendungsformen kollektiver Intelligenz bis vor drei Jahren unbekannt.