Hüfners Wochenkommentar Das Ende der Schwellenländer-Ära?

Martin Hüfner

Martin Hüfner

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Könnte es sein, dass wir das Ende einer Ära erleben? Über Jahrzehnte galten Anlagen in Schwellen- und Entwicklungsländern als "sichere Bank". Das Wachstum ist dort nicht nur höher als in den Industriestaaten. Die Perspektiven sind aufgrund der jungen Bevölkerung, des Nachholbedarfs auf den Märkten und in vielen Fällen auch der guten Ausstattung mit Rohstoffen besser. Es gibt zwar mehr Risiken, aber auch mehr Rendite.

Jetzt kommen Zweifel auf. Es begann im letzten Mai, als die amerikanische Notenbank ankündigte, ihre Wertpapierkäufe zu verringern. Das führte zu einem Abzug von Kapital aus den Schwellenländern mit negativen Folgen für Zinsen und Wechsel- und Aktienkurse.

Anfang dieses Jahres wiederholte sich das. Manche sahen darin nur eine vorübergehende Störung eines an sich guten Modells. In der Tat gab es in den letzten Monaten wieder deutliche Aufwärtsentwicklungen zum Beispiel in Brasilien, Argentinien oder der Türkei.

Wenn man sich die längerfristige Entwicklung anschaut, sieht das jedoch etwas anders aus. Die Grafik zeigt das Wirtschaftswachstum der Industrie-, der Schwellen- und Entwicklungsländer in den letzten 35 Jahren. Was wenige wissen: Bis zur Jahrtausendwende waren die Raten zwischen den beiden Ländergruppen insgesamt nicht sehr unterschiedlich. Dann setzte sich die Dritte Welt deutlich nach oben ab. Gleichzeitig fielen die Industrieländer zurück. Das war die Euphorie, als Jim O’Neill von Goldman Sachs das Wort von den "BRIC" (= Brasilien, Russland, Indien, China) erfand und alle Welt dort investierte.

Jetzt geht die Bonanza zu Ende. In den Entwicklungsländern verringert sich das Wachstum. In den Industrieländern nimmt es zu. Die USA expandieren in diesem Jahr schneller als Brasilien, Deutschland schneller als Russland. Die Raten der Dritten Welt sind zwar immer noch höher, der Abstand wird aber kleiner.

Der Vorsprung schrumpft wieder
Wachstumsraten von Industrie- und Entwicklungsländern in Prozent

Quelle: IWF

Die Entwicklung ist nicht zufällig. In den Industrieländern wirken sich die Reformen und Strukturbereinigungen nach der großen Finanzkrise aus. Die Wirtschaft dieser Staaten steht heute auf wesentlich gesünderer Basis. In den Entwicklungsländern gab es nach der Krise keinen solchen Erneuerungsschub.

Die Infrastruktur in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas hat sich im Gegenteil weiter verschlechtert und muss ausgebaut werden. Der Rechtsrahmen der Volkswirtschaften muss verbessert und den sich ändernden Gegebenheiten angepasst werden. Korruption muss bekämpft werden. Die Bevölkerung fordert in vielen Staaten eine größere Teilhabe an dem entstandenen Wohlstand.

Hinzu kommen die Verzerrungen durch die niedrigen Zinsen und die hohe Liquidität. Durch die hohen Lohnsteigerungen und durch das Vordringen arbeitssparender Technologien werden die Länder vielfach nicht mehr als billige Werkbank der Welt gebraucht. Das exportorientierte Entwicklungsmodell hat ausgedient. Sie müssen sich auf die Erschließung der Binnenmärkte konzentrieren. Eine solche Umstrukturierung kostet zunächst Wachstum.