Hüfners Wochenkommentar Was wäre wenn der Ölpreis dauerhaft so niedrig bliebe?

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon

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Alle reden derzeit von China und den damit zusammenhängenden Gefahren. Dabei gibt es daneben noch ein Risiko, das in seiner Dimension weit darüber hinaus geht. Das ist der Ölpreis (der natürlich auch zum Teil mit China zusammenhängt). Er ist seit Jahresbeginn noch einmal um 10 Prozent gefallen. Er hat jetzt ein Niveau erreicht, bei dem die Auswirkungen über die Freude an den niedrigen Benzinpreisen hinausgeht.

Um die neuen Risiken zu verstehen, muss man sich die langfristige Perspektive anschauen. Der Ölpreis liegt heute mit 31 Dollar je Barrel auf dem Niveau der Zeit der zweiten Ölkrise vor 35 Jahren (siehe Grafik). Das ist für sich genommen schon ungeheuerlich. Berücksichtigt man dazu aber noch die zwischenzeitliche allgemeine Geldentwertung, so ist der Ölpreis heute mit real etwas mehr als 5 Dollar je Barrel so hoch wie vor der ersten Ölkrise 1973. Das machen sich viele nicht klar. Ich war selbst überrascht, als ich mir diese Zahlen angeschaut habe.



Wenn das so bliebe, dann wären alle Veränderungen, die sich in den letzten 50 Jahren durch den höheren Ölpreis ergeben haben, ökonomisch gesehen auf Sand gebaut. Sie müssten sich zurückbilden. Nun wird das sicher nicht so kommen. Zum einen, weil die Ölländer noch viele Reserven haben und weil der Ölpreis auf lange Sicht vermutlich nicht so niedrig bleibt. Trotzdem ist es interessant, so ein Gedankenexperiment einmal durchzuspielen, auch um zu sehen, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte.

Was hat sich seit der ersten Ölkrise 1973 nicht alles getan? Es entstand eine Gruppe von Staaten mit unglaublichem Reichtum, für die alle Gesetze des rationalen Wirtschaftens nicht mehr galten. Mitten in der Wüste fließt in öffentlichen Gebäuden der Golfstaaten mehr Wasser als in vergleichbaren Häusern im amerikanischen Manhattan. In Saudi Arabien zahlen die Bürger keine Einkommensteuern, Grundnahrungsmittel und Benzin werden subventioniert. Das Land ist mit gerade einmal 28 Millionen. Einwohnern Mitglied der Gruppe der G20, in der die größten und wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt sitzen. Nur wegen seinem Geld.



Die Staaten des Nahen Ostens gehören mit ihren Staatsfonds zu den größten Investoren auf den internationalen Kapitalmärkten. Katar ist mit 17 Prozent an Volkswagen beteiligt, Kuwait mit 7 Prozent an Daimler. Adia, der Staatsfonds von Abu Dhabi, hatte Assets in Höhe von zeitweise über USD 800 Milliarden.

Die Ölländer dominieren ganze Branchen. Im Luftverkehr tun sich die etablierten Gesellschaften der Industrieländer schwer im Wettbewerb mit den Carriern des Nahen Ostens. Das liegt nicht nur an der günstigen Zeitzone, in der die Länder liegen. Entscheidend ist die finanzielle Unterstützung, die sie von den dortigen Regierungen erhalten.