Mark Mobius: Schwellenmarkt-Skeptiker brauchen andere Perspektive

Mark Mobius

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Die Schwachstellen – oder besser die vermeintlichen Schwachstellen – der Schwellenmärkte wurden in den letzten Monaten rege diskutiert. Ausgelöst worden waren die Sorgen um die Gesundheit der Schwellenmärkte von politischen Unruhen in Ägypten, einer Konjunkturabkühlung in China und Demonstrationen in Brasilien und der Türkei im vergangenen Sommer.
Meines Erachtens sehen viele Anleger diese Ereignisse und Entwicklungen nicht im richtigen Zusammenhang. Sie sind vielmehr zu dem Schluss gelangt, dass die Schwellenländer am Ende sind – vor allem, wie sie sagen, da die US-Notenbank (Fed) den Geldhahn erwartungsgemäß zudrehen und den Schwellenmärkten dadurch die nötige Liquidität entziehen dürfte, um ihre schwächelnden Währungen zu schützen und ihren Schuldendienst zu leisten. Vorerst hat die Fed beschlossen, die Liquiditätszufuhr aufrechtzuerhalten, was den Anlegern eine unmittelbare Angst nahm. Doch meiner Ansicht nach brauchen Schwellenmarkt-Skeptiker noch aus weiteren Gründen eine andere, bessere Perspektive.

Der herrschenden Weltuntergangsstimmung liegen nämlich etliche Fehleinschätzungen zugrunde. Erstens sind die Währungen mancher Schwellenländer stärker geworden, nicht schwächer. Gute Beispiele dafür sind China und Thailand, deren Währungen gegenüber dem US-Dollar in den letzten Jahren gewonnen haben. Ebenso gilt, dass viele Schwellenmärkte nicht von der Unterstützung der westlichen Welt und der Industrieländer abhängig sind. Verfechter der Vorstellung, dass die Schwellenländer auf die Industrieländer angewiesen sind, behaupten, dass die Schwellenmärkte mit Geld aus den USA, Europa und Japan über ihre Verhältnisse leben konnten! Andere sprechen ironischerweise von negativen Auswirkungen einer Abschwächung im Schwellenländeruniversum auf die Industrieländer.

Die globale Verschuldungssituation zeigt dagegen, dass viele Industrieländer im Verhältnis zum jeweiligen BIP-Niveau höhere staatliche Defizite aufweisen und stärker darauf angewiesen sind, dass Anleger aus aller Welt ihre Anleihen kaufen. Hinzu kommt, dass die Schwellenländer im Großen und Ganzen weit höhere Devisenreserven halten als die Industriestaaten.

Im Denkschema vieler Wirtschaftsexperten und Kommentatoren können die Schwellenländer nicht wirtschaften und brauchen Anleitung durch die Industriestaaten. Viele Vertreter von Industrieländern hielten asiatischen Staaten während der Asienkrise 1997 Vorträge über Haushaltsdisziplin. Im Anschluss verfolgten die Schwellenländer, wie das US-amerikanische und europäische Finanzsystem 2008/2009 auf die Katastrophe zusteuerte, während viele Schwellenmärkte nicht nur durchhielten, sondern florierten. In Wirklichkeit haben die Schwellenländer auf nationaler und persönlicher Ebene enorme Einkommenssteigerungen verzeichnet, und das sollte sich nach unserer Erwartung fortsetzen. Zu Wege gebracht wurde dieses positive Ergebnis durch die Einführung marktwirtschaftlicher Modelle und die Übernahme produktivitätssteigernder Technik.

Asiatische Schwellenländer: Herausforderungen und Chancen

Als größtes Schwellenland genießt China stets entsprechend viel Aufmerksamkeit. Um heikle chinesische Themen wie eine potenzielle Immobilienblase, Schuldenprobleme, et cetera, wurde viel spekuliert. Doch China verzeichnet weiter hohe Wachstumsraten. Im September besuchte ich mit meinem Team ein großes Wohnbauprojekt in Peking, das innerhalb von Wochen zu 70 Prozent verkauft war. Dasselbe beobachtete ich auf anderen Stationen unserer Reise – für mich ein eindeutiger Beleg für nach wie vor hohe Immobiliennachfrage in China.