Robert Halver zur EZB-Sitzung "Wasser predigen, aber Wein saufen!"

Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank, bezweifelt, dass die EZB ihren Kurs der ultralockeren Geldpolitik ändern wird.

Robert Halver, Chefanalyst der Baader Bank, bezweifelt, dass die EZB ihren Kurs der ultralockeren Geldpolitik ändern wird.

Bislang konnte man Mario Draghis Geldpolitik mit drei Worten umschreiben: Freibier für alle oder sollte man sogar von Koma-Saufen sprechen? Immerhin hat diese Happy Hour jede Finanz-, Schulden- und Euro-Krise eingedämmt. Allerdings wurden auch die Finanzmärkte in einen Ballermann-ähnlichen Rausch versetzt. Mittlerweile gibt es sogar für Hochzins- und Ramschanleihen nur noch so mickrige Renditen, zu denen man früher Bundeswertpapiere nicht mit der Kneifzange angepackt hätte. Und Preise für Häuser und selbst normales Ackerland lassen sich nur noch ab zwei Promille rechtfertigen.

Schluss mit Druckbetankung?

Natürlich ist sich auch Mario Draghi der Risiken dieser Trunksucht bewusst. Denn die Blasenbildungen bei Anlageklassen werden mit jedem Tag seiner Druckbetankung größer. Wäre jetzt - nach Rettung des Euro-Vaterlands vor Finanzkrisen - nicht der passende Zeitpunkt für eine Sperrstunde gekommen? Immerhin hat er seine Mission erfüllt. Wäre es also nicht sogar im Interesse Mario Draghis, bis zum Ende seiner Amtszeit 2019 die Geldpolitik wieder auf Entzug auszurichten? Dann hätte sich der Kreis wieder geschlossen. Der Herr (Draghi) hat es gegeben, der Herr (Draghi) hat es genommen.

Aber könnte der alkoholentwöhnte eurozonale Patient depressiv werden und könnte es zu schweren konjunkturellen und finanzwirtschaftlichen Entzugserscheinungen kommen?

Ohnehin gibt es nicht mehr die typischen volkswirtschaftlichen Verlaufsmuster. In früheren Zeiten hätte die Weltwirtschaft angesichts der heutigen geldpolitischen Überdüngung Wirtschaftswachstums- und Inflationsraten wie in den Schwellenländern gehabt. Die EZB mag sich über ihre Allmacht an den Finanzmärkten freuen, aber konjunkturell ist sie über ihre Ohnmacht, nachhaltiges Wachstum und Inflation zu schaffen, sehr ernüchtert. Umgekehrt hat Mario Draghi aber nicht vergessen, dass der kalte geldpolitische Entzug immer verheerende konjunkturelle Wirkungen hatte.

Überhaupt hängt in unserer heutigen globalen Welt doch alles von allem ab. Wie in einem Spinnennetz ist jede Erschütterung irgendwo überall zu spüren. Nicht auszudenken, wenn das dunkle Schwänchen aus Nordkorea zu einem großen dicken schwarzen Schwan wird. Was blüht uns noch vom Trio Infernale Trump, Putin und Erdogan und wie geht es beim Brexit weiter? Heutzutage ist man vielen konjunkturellen und finanzwirtschaftlichen Risiken ausgesetzt wie Pflaumenkuchen einem Schwarm Wespen. Wehe, wenn sie stechen.