Unstatistik des Monats Werden Männer und Frauen in 170 Jahren gleichberechtigt sein?

Kanzlerin Angela Merkel während eines Meetings mit Ministern und Sicherheitsbeauftragten. In vielen Berufen haben Frauen höhere Zutrittsbarrieren und bekommen ein geringeres Gehalt | © Getty Images

Kanzlerin Angela Merkel während eines Meetings mit Ministern und Sicherheitsbeauftragten. In vielen Berufen haben Frauen höhere Zutrittsbarrieren und bekommen ein geringeres Gehalt Foto: Getty Images

Schlüsse, die aus Statistiken gezogen werden, ergeben mitunter wenig Sinn. Der Psychologe Gerd Gigerenzer, der Statistiker Walter Krämer und der Wirtschaftsforscher und Vizepräsident des RWI Thomas K. Bauer erstellen regelmäßig eine „Unstatistik des Monats“. Darin entlarven sie statistisch aufbereitete Fakten, die dem Abgleich mit einer realistischen Betrachtung des Themas nicht standhalten.

Kürzlich stieß sich das Trio an folgender Prognose: „Statistisch gesehen wird es noch 170 Jahre dauern, bis Frauen und Männer gleich viel verdienen, also wirtschaftlich ebenbürtig aufgestellt sind.“ Die Zahl stammt aus dem „Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums von Oktober 2016.

Von der Methodik her wurde hier eine lineare Trendextrapolation unternommen, also eine Prognosemethode angewendet, die eine Entwicklung auf Basis eines Trends fortschreibt. Sie leitet sich ausschließlich aus den Vergangenheitsdaten einer Zeitreihe ab. Diesen Prognoseansatz halten Gigerenzer, Krämer und Bauer generell für wenig sinnvoll. In diesem Fall erscheint er ihnen direkt absurd - und gefährlich: Ob eine Frau in zehn oder 100 Jahren oder auch nie dasselbe Durchschnittseinkommen wie ein Mann erreiche, sei aus aktuellen Wachstumsraten nicht abzulesen, bemängeln die Autoren und urteilen: „Mit einer ernstzunehmenden Prognose hat das nichts zu tun.“

Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht jedoch weniger die Berechnung im Bericht des Weltwirtschaftsforums, sondern vielmehr deren mediale Aufbereitung. „Seriöse Medien“, hätten über die Zahl als eine Gedankenspielerei berichtet, andere Medien hätten sie dagegen zu einer ernsthaften Meldung verarbeitet. Vor allem daran stoßen sich die Autoren der „Unstatistik“. Bedenklich sei: Wer Zahlen wie die 170 Jahre bis zur angeblichen materiellen Gleichstellung von Mann und Frau ernst nehme, stelle dann möglicherweise seine Anstrengungen ein, um das wirtschaftliche Ungleichgewicht auch weiterhin zu bekämpfen, kritisieren die Autoren.