Zinswende: „Anleiherenditen werden weiter steigen“

Stephan Kuhnke

Stephan Kuhnke

// //

DAS INVESTMENT.com: Entgegen der Erwartung von vielen Marktbeobachtern hat die US-Notenbank Fed unlängst die Zinsen nicht erhöht. Kommt die Zinswende trotzdem? Stephan Kuhnke: Sie liegt bereits hinter uns. Daran ändern auch die aktuellen Ereignisse nichts. Im Nachgang der Ankündigung der Fed von Ende Mai, die Anleihenkäufe von US-Treasuries in Zukunft zurückzufahren, haben wir massiv steigende Renditen gesehen. So sind zum Beispiel 10-jährige Bundesanleihen, die im Mai mit 1,13 Prozent auf historischem Tief notierten, zwischenzeitlich bis auf 2,09 Prozent geklettert. Das klingt zunächst niedlich, das ist aber immerhin prozentual gesehen ein Anstieg von 85 Prozent.

DAS INVESTMENT.com: Mit entsprechenden Konsequenzen für Anleihekäufer. Kuhnke: Ja. 10-jährige Bundesanleihen haben trotz des Kupons 6 Prozent Verlust generiert . Die stillen Reserven respektive die Buchgewinne von Investoren haben sich entsprechend reduziert. Das war parallel noch viel stärker bei US-Treasuries der Fall, aber auch bei Schweizer Staatsanleihen.

DAS INVESTMENT.com:
Und Sie meinen, dass der Trend sich fortsetzen wird. Kuhnke: Durchaus. Wir gehen davon aus, dass die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen  auf 2,25 bis  2,50 Prozent weiter steigen wird. Das würde einen nochmaligen Anstieg von 20 bis 50 Renditestellen  und einen nochmaligen Kursrückgang von 2 bis 5 Prozent bedeuten.

DAS INVESTMENT.com: Was ist der Hintergrund für diese Entwicklung? Kuhnke: Die Situation in den  europäischen Peripheriestaaten wird sich weiter stabilisieren. Zudem wird sich der konjunkturelle Aufwärtstrend weiter fortsetzen und an Dynamik zunehmen. Alle führenden Geschäftsklimaindikatoren zeigen aufwärts und haben Expansionsschwellen überschritten sowie zyklische Höchststände erreicht.

DAS INVESTMENT.com: Womit also nicht nur Deutschland das gelobte Land wäre. Kuhnke: Wir sehen, dass die anderen Länder in Europa nachziehen, was man allerdings zweigeteilt beurteilen muss. Denn gleichzeitig dürften die Renditeabstände von nicht-deutschen zu deutschen Staatsanleihen schrumpfen. Die Renditen deutscher Staatsanleihen sollten am stärksten steigen, bei französischen  ist durch die gleichzeitige Einengung der Spreads  mit einem etwas geringeren Renditeanstieg zu rechnen. Bei Peripheriestaatsanleihen kann es sogar sein, dass die zu erwartende Einengung den Renditeanstieg vollständig kompensiert. So muss man bei italienischen und spanischen Staatsanleihen nicht zwangsläufig mit Kursverlusten rechnen.

DAS INVESTMENT.com: Sind angesichts dieser Entwicklung Inflationssorgen begründet? Kuhnke: Wir sehen in nächster Zukunft keinen signifikanten Anstieg der Inflation, weder in Deutschland noch in der Eurozone. Ähnlich sehen es auch die Kapitalmarktteilnehmer, die auf Basis inflationsindexierter Bundesanleihen in den nächsten zehn Jahren mit einer Inflationsrate von knapp 1,5 Prozent rechnen.  Wenn aber die Notenbanken die hohe aktuelle Liquidität im Markt nicht rechtzeitig zurückfahren, die ja bislang bei Banken zwischengeparkt wird und gar nicht beim Konsumenten ankommt, könnte sich daraus auf Sicht von mehreren Jahren ein Inflationspotenzial ergeben.