„Anleger sollten sich nicht auf kurzfristige Risiken und politische Ereignisse konzentrieren“

Andrew Milligan

Andrew Milligan

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Andrew Milligan ist Chefstratege von Standard Life Investments

Die EZB hat erst kürzlich das prognostizierte Wirtschaftswachstum der Eurozone für 2013 reduziert. Ist das neue Jahr für Investoren bereits vorbei, bevor es überhaupt angefangen hat?

Andrew Milligan: Wir müssen zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Unternehmensgewinnen unterscheiden. Es ist völlig klar, dass die kurzfristige Aussicht auf Wachstum in der Eurozone schwach ist, wie auch die Europäische Kommission vor kurzem zugab. Nicht genug damit, dass die Sparpakete zu streng sind, sondern vielmehr scheitert die EZB.

Ja, sie hat durch ihr Aufkaufprogramm von Staatsanleihen – die sogenannten Outright Monetary Transactions – die Kosten für eine Kreditaufnahme für die Regierungen gedeckelt. Nein, sie hat nicht die Kosten der Kreditaufnahme für viele Haushalte und Unternehmen reduziert. Der geldpolitische Transmissionsmechanismus funktioniert nicht, wie man am Zusammenbruch der Industrieproduktion Anfang des vierten Quartals sehen konnte.

Es ist ganz klar, dass das für Unternehmen mit Fokus auf den heimischen Markt ein harter Rückschlag ist. Viele große und mittlere Betriebe sind in ihren Unternehmungen und Verkäufen jedoch wesentlich internationaler ausgerichtet. Tatsächlich kommen zwei Drittel der europäischen Gewinne von außerhalb Europas. Dies ist der wesentliche Aspekt für Anleger, insbesondere für aktive Stockpicker. Unsere Prognosen deuten auf einen positiven Gewinnzuwachs für 2013 hin – aber eher ein-, als zweistellig. Dieser wird auf dem Rücken des Aufschwungs der USA und Asiens stattfinden, der den Hemmschuh durch den Großteil der europäischen Region ausgleichen wird.

Sollten wir uns also besser auf endlose Krisensitzungen, die monetäre Lockerung Nr. 4 und die ständige Unsicherheit, ob ein (oder mehrere) Randstaaten die Eurozone verlassen, vorbereiten?

Milligan: Absolut. 2013 und darüber hinaus wird eine Reihe quälender politischer Diskussionen, regelmäßiger Unterstützung der Zentralbanken und einen hohen Grad an sozialer und politischer Unzufriedenheit mit sich bringen. Zu den Debatten über eine Steuer- und Währungsunion werden sich immer mehr komplexe Verhandlungen über eine Bankenunion gesellen. Langsames Wachstum in Europa wird möglicherweise Spanien und Italien auf die Unterstützung durch das OMT-Programm zurückgreifen lassen. Je näher Griechenland einem Fiskal- und Leistungsbilanzüberschuss kommt und Schutzwälle eingerichtet werden, um europäische Kapitalflüsse zu schützen, desto eher steigt das Risiko eines Austritts Griechenlands.

Für Anleger bedeutet all das, dass Risikokontrollen für Portfolios weiterhin immens wichtig sind, also Techniken, um die Volatilität zu dämpfen, die in vielen Finanzmärkten auftreten wird. Es liegt ebenso nahe, dass sich Anleger eher auf die wichtigsten langfristigen Themen konzentrieren sollten anstelle auf kurzfristige Risiken und politische Ereignisse. So hält beispielsweise unsere House View eine Abwertung des Euro für immer noch wahrscheinlicher als seine Aufwertung – eine unerlässliche Voraussetzung, durch welche die Eurozone ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann und die in einer Welt langsamen Wachstums verzweifelt benötigt wird.