Asien-Perspektiven: „China und Indien ziehen die Welt aus dem Schlamassel“

Gunnar Geyer (links) und Henning Vöpel

Gunnar Geyer (links) und Henning Vöpel

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DAS INVESTMENT.com: Welche Folgen wird die aktuelle Wirtschaftskrise für Asien haben? Henning Vöpel: Die gegenwärtige Krise wird die Verlagerung der ökonomischen Bedeutung von den westlichen Industrieländern auf die asiatischen Volkswirtschaften deutlich beschleunigen. Dass die USA und Teile Europas sich in einer veritablen Wirtschaftskrise befinden, ist nicht nur auf die kurzfristigen Krisenphänomene zurückzuführen, sondern hat handfeste strukturelle Ursachen: Sei es die öffentliche Verschuldung, den Investitionsbedarf in Infrastruktur oder Produktionsanlagen. Die Verteilung der Gewichte in der Weltwirtschaft wird in Zukunft eine andere sein. DAS INVESTMENT.com: Doch der „SPIEGEL“ hat neulich getitelt „Geht die Welt bankrott?“ Vöpel: Das ist natürlich unsinnig. Jeder Verbindlichkeit steht eine gleich hohe Forderung gegenüber. Der Finanzierungssaldo der Welt ist immer Null. Es sei denn, dass unsere Welt sich irgendwann einmal bei Außerirdischen verschulden kann. Gunnar Geyer: Wir erleben hier nicht nur wirtschaftlich betrachtet den Beginn einer neuen Weltordnung. In 20 oder 30 Jahren wird es uns ganz normal vorkommen, dass China, Indonesien oder eine anderes asiatisches Land eine Sondersitzung des Internationalen Währungsfonds anberaumt, um die amerikanische oder eine europäische Volkswirtschaft wieder auf die Beine zu stellen. Bisher waren wir es gewohnt zu sagen, das schaffen wir selbst und haben den IWF als Vehikel genommen, um Krisen in Asien nicht ganz so schlimm werden zu lassen. DAS INVESTMENT.com: Allerdings können wir eine Synchronizität der Bewegungen auf den weltweiten Märkten feststellen. Die gute alte Markowitz-Theorie scheint in der Praxis widerlegt. Geyer:  Die synchronen Entwicklungen sind sicherlich zu beobachten. Doch früher hieß es in Krisen immer, die USA werden als erste herauskommen und die anderen mitziehen. Heute ist es so, dass China und Indien die Welt aus dem Schlamassel ziehen. Weil dort die dafür nötigen Voraussetzungen gegeben sind: nachholendes Wachstum und Innovation. Die künftigen Vordenker und Vorreiter werden in Asien zu finden sein. DAS INVESTMENT.com: Wie lange kann angesichts dessen der Dollar seine Leitwährungsfunktion noch behalten? Vöpel:  Zunächst kann man beim Dollar im eigentlichen Sinn nicht von einer Leitwährung sprechen. Der Begriff stammt aus dem Bretton-Woods-System, wo man eine Leitwährung mit Ankerfunktion definiert hatte. Der Dollar stellt eine Reservewährung dar, was immer einer sehr großen und stabilen Volkswirtschaft vorbehalten ist. Gleichzeitig muss diese auch Leistungsbilanzdefizite aufweisen, damit andere Länder Reserven akquirieren können.  Insofern  ist der chinesische Renminbi als Welt-Reservewährung nur schwerlich vorstellbar,  weil China dafür Leistungsbilanzdefizite aufweisen müsste. Ähnliches gilt auch für den Schweizer Franken.