BlackRock-Interview „Lieber Energieaktien als Öl-Futures“

Felix Herrmann, Kapitalmarkt-Stratege bei BlackRock

Felix Herrmann, Kapitalmarkt-Stratege bei BlackRock

Die Organisation Erdöl exportierender Länder, kurz Opec, hat sich Ende September auf eine Begrenzung der Fördermenge geeinigt, was den Ölpreis nach oben getrieben hat. Glauben Sie, dass das Abkommen hält?

Felix Herrmann: Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit nicht allzu groß. Bereits kurz nach dem Abkommen scheinen ja die ersten Länder aus der Reihe zu tanzen. Der irakische Ölminister hat eine Ausnahmeregelung für sein Land gefordert, da der Irak einen sehr kostspieligen Krieg gegen den Islamischen Staat führt. Der Irak fördert täglich 4,8 Millionen Barrel und ist damit das zweitstärkste Förderland in der Opec. Zudem stellt sich die Frage, wie die vereinbarten Förderbeschränkungen überhaupt kontrolliert werden sollen.

Können die Opec-Länder mit 50 Dollar pro Barrel leben?

Herrmann: Nein, nicht wirklich gut. Zwar liegen die Grenzkosten der Förderung in den meisten Opec-Ländern deutlich unter 50 Dollar pro Fass, aber die Länder kalkulieren bei ihren Haushalten mit einen höheren Preis von eher 50 bis 70 Dollar. So kommt es schnell zu einem großen Haushaltsdefizit, und die Länder sind gezwungen, andere Geldquellen anzuzapfen. So hat Saudi-Arabien jüngst seine erste Anleihe emittiert.

Der Iran ist lange als Ölexporteur ausgefallen und will jetzt, nach dem Ende der Sanktionen, seine Ölförderung wieder ausbauen. Welche Rolle spielt das Land in der Ölförderung?

Herrmann: Der Iran ist stark abhängig von den Ölexporten. Daher leidet er auch sehr unter den niedrigen Preisen. Das Land will zunächst bis März 2017 das Produktionsniveau von vor der Krise erreichen, das sind laut Ölministerium mehr als vier Millionen Barrel pro Tag. Damit wäre der Iran einer der größten Ölförderer in der Opec. Das Land spielt auch aufgrund seiner Feindschaft mit Saudi-Arabien eine besondere Rolle. Es kommt dadurch immer wieder zu Spannungen in der Opec.

In den USA scheint der jüngste Preisanstieg einen Rückzug von Rückzug einzuläuten. Ist ein Niveau von 50 Dollar auskömmlich für die Förderung in den USA?

Herrmann: Hier ist die Diskrepanz groß. Einige Förderstätten haben schon bei 30 Dollar ihren Break-even. Bei dem Gros dürften die Förderkosten aber eher bei 45 bis 55 Dollar liegen. Die Öl- und Gasindustrie in den USA kann ihre Kapazitäten sehr flexibel an veränderte Marktbedingungen anpassen. Wenn sich der Ölpreis erholt, lässt sich der Output schnell wieder hochfahren. Diese Entwicklung kann man jetzt schon etwas beobachten. Hinzu kommt: Die Lernkurve bei diesen neuen Fördermethoden ist noch nicht am Ende. Es könnte durchaus noch weitere Effizienzgewinne und Kostensenkungen geben.

Das heißt, der Ölpreis kann gar nicht allzu stark steigen, weil sich dann sofort das US-Angebot wieder deutlich erhöht?

Herrmann: Das ist zurzeit sicherlich das stärkste Argument dafür, dass wir keinen starken Anstieg beim Ölpreis sehen. Zudem sind die Lagerbestände immer noch hoch.

Wie sieht es auf der Nachfrageseite aus? Könnte sie den Preis antreiben?

Herrmann: Theoretisch schon, das sehen wir allerdings nicht. Die Weltwirtschaft wächst nicht so stark. Und es ist ein Irrglaube, dass die Ölpreisentwicklung stark an der Nachfrage hängt. Die Nachfrage war letztes Jahr so hoch wie nie zuvor und wird in diesem und nächstem Jahr wohl weiter steigen. Das Angebot ist allerdings deutlich schneller gestiegen als die Nachfrage. Es würde auch nicht viel helfen, wenn die Weltwirtschaft etwas schneller wächst. Der Ölpreis ist aus unserer Sicht ein reines Angebotsthema.