Hüfners Wochenkommentar Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ist ein Pulverfass

Martin Hüfner, Chefökonom Assenagon Asset Management findet den großen Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz problematisch

Martin Hüfner, Chefökonom Assenagon Asset Management findet den großen Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz problematisch

Leistungsbilanz im Ungleichgewicht

In Deutschland baut sich ein Ungleichgewicht auf, das in der EU und auf den Märkten erhebliche Sprengkraft entwickeln kann. Bisher wird es vorwiegend in Fachkreisen diskutiert. Das wird aber nicht so bleiben. Gemeint ist der riesige deutsche Leistungsbilanzüberschuss.

In diesem Jahr wird Deutschland fast EUR 300 Milliarden mehr Güter und Dienste exportieren als es importiert. Das sind über 9 Prozent des BIPs. Der Leistungsbilanzsaldo hat sich in den letzten Jahren drastisch ausgeweitet (siehe Grafik). In der Finanzkrise 2008 war er nur etwas mehr als halb so groß. Bei Gründung der Währungsunion hatte die Bundesrepublik sogar noch ein leichtes Defizit. Kein Mensch hätte sich damals vorstellen können, dass die Dinge so aus dem Ruder laufen könnten. Deutschland hat inzwischen den höchsten Überschuss der Welt. Er ist sogar größer als der Chinas.

Ist das jetzt positiv oder negativ?

Über die Bewertung dieser Entwicklung wird viel gestritten. Manche sagen, dass das doch gar kein Problem sei. Es sei im Gegenteil eine Auszeichnung und zeige, wie wettbe­werbsfähig die deutschen Exporteure sind.

Man kann die Sache aber auch aus anderer Perspektive se­hen. Dann zeigt sich das Ungleichgewicht. Da ist zunächst die Tatsache, dass Deutschland mehr produziert als es selbst benötigt. Wenn sich so etwas in Grenzen hält, ist es nicht unvernünftig. Da kann die Volkswirtschaft Reserven für schlechtere Zeiten ansammeln. Problematisch ist aber, wenn es zu groß wird. Dann werden Ressourcen verschleu­dert. Mit EUR 300 Mrd. ist der Saldo so groß wie der ge­samte Umsatz des deutschen Maschinenbaus und der Pharmaindustrie zusammen. Das ist eindeutig zu viel.

Nun kann man einwenden, dass Deutschland die Über­schüsse nicht verschenkt, sondern verkauft. Das ist aber ein schlechter Deal. Denn das Land erhält als Gegenleistung für reale Güter und Dienste monetäre Forderungen. Um es drastisch zu formulieren: Es liefert Porsche ans Ausland, bekommt dafür aber nur Papier. Natürlich erhöht sich das Auslandsvermögen. Es beläuft sich derzeit auf fast EUR 1.500 Mrd. Aber auf wie viel davon kann Deutschland am Ende zurückgreifen, wenn es das Geld wirklich einmal brauchen sollte? Die Deutschen beschweren sich, dass sie im Euroraum so oft zur Kasse gebeten werden und wehren sich gegen eine Transferunion. Bei der Leistungsbilanz geben sie die Kredite ans Ausland ganz freiwillig und sind noch stolz darauf.

„Kein größeres Defizit als 6 Prozent“

Noch gewichtiger sind die internationalen Probleme. Wenn einer Überschüsse hat, muss ein anderer zwangsläufig Defizite aufweisen und sich verschulden. Deutschland verlangt von anderen Staaten mit Recht, dass sie ihre Verhältnisse in Ordnung bringen und nicht so viele Kredite aufnehmen. Aber wie sollen sie das tun, wenn Deutschland sie durch seinen Überschuss ins Defizit zwingt? Die Hauptbetroffenen der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse sind die Partner in der Währungsunion, Großbritannien, die USA und die Schwellen- und Entwicklungsländer. Sie alle wehren sich mit Recht gegen die deutschen Überschüsse.

Leistungsbilanzüberschüsse in der Höhe widersprechen im Übrigen den Prinzipien der internationalen Zusammenar­beit. In den Maastrichter Verträgen der EU ist festgelegt, dass kein Mitgliedsland ein größeres Defizit als 6 % des BIPs haben sollte (was schon sehr viel ist). Dagegen ver­stößt Deutschland erheblich. Es wird dafür von der EU-Kommission kritisiert. Das amerikanische Finanzministerium spricht von einem Risiko für die Finanzstabilität.

Was kann Deutschland tun, um von der Anklagebank herunter zu kommen? In der Zeit vor der Währungsunion war die Antwort einfach. Wenn ein Land Leistungsbilanzüberschüsse hatte, wertete sich seine Währung auf. Dadurch verringerten sich die Exporte und die Importe stiegen. In einer Währungsunion mit festen Wechselkursen ist das schwieriger. Manche empfehlen, in Deutschland müssten die Löhne stärker steigen. Dadurch verschlechtere sich seine Wettbewerbsfähigkeit. Es würde weniger exportieren und mehr importieren.