Staatsanleihen Industrieländer „Balance zwischen Angebot und Nachfrage nachhaltig gestört“

Notenbank-Chef Mario Draghi wirbt vor dem Europa-Ausschuss des Bundestages für seine Geldpolitik. Neben den negativen Renditen ist der Mangel an verfügbaren Anleihen ein zentrales Problem.  | © Getty Images

Notenbank-Chef Mario Draghi wirbt vor dem Europa-Ausschuss des Bundestages für seine Geldpolitik. Neben den negativen Renditen ist der Mangel an verfügbaren Anleihen ein zentrales Problem. Foto: Getty Images

„Staatsanleihen aus den Industriestaaten zählen traditionell zu den liquidesten Vermögenswerten im Markt. Lange galten sie als sichere Anlagekategorie, die Anlegern eine weitgehend risikofreie Rendite garantierte. Mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik (dem Quantitative Easing, kurz QE) haben die Notenbanken die Balance zwischen Angebot und Nachfrage jedoch nachhaltig gestört. Infolgedessen liegen die Renditen nun unter dem Niveau der Großen Depression in den 1930er Jahren und der beiden Weltkriege. Immerhin 37 Prozent der Staatsanleihen aus den Industrieländern rentieren mittlerweile im negativen Bereich.

Für Investoren, die in solch sichere Vermögenswerte investieren wollen, wird es immer schwieriger, geeignete Wertpapiere zu finden. Denn neben den negativen Renditen ist der Mangel an verfügbaren Anleihen ein zentrales Problem. So besitzen die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BoJ) mittlerweile bereits 15 Prozent beziehungsweise 38 Prozent der jeweilig verfügbaren Staatanleihen. Es stellt sich die Frage, ob zukünftig noch genügend sichere Wertpapiere im Umlauf sein werden, um sowohl das Interesse der Investoren allgemein als auch der Zentralbanken zu befriedigen.

Japanische Geldpolitik stößt bereits an ihre Grenzen

Die jüngste Anpassung der Geldpolitik der Bank of Japan (BoJ) verdeutlicht, dass der Anleihemangel die Zentralbankpolitik und die Märkte bereits beeinflusst. Die Ankündigung, bei Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit eine Rendite von null Prozent anzustreben, wurde von einigen Experten als Beweis dafür angesehen, dass das Quantitative Easing in der gegenwärtigen Form nicht mehr funktioniert. BoJ-Gouverneur Haruhiko Kuroda erklärte zwar, dass es keine signifikante Veränderung in der Höhe der Anleihekäufe geben werde. Doch es dürfte klar sein, dass die expansive Geldpolitik endgültig an ihre Grenzen stößt.

Was aber macht die EZB? Die europäische Notenbank ist bislang noch nicht mit einem so gravierenden Mangel an geeigneten Anleihen konfrontiert, doch es gibt wachsende Anzeichen von Knappheit. Der Anteil der von der EZB gehaltenen Anleihen am Markt ist zwar kleiner als der von der BoJ und sogar der Fed, aber ihr Anteil steigt rasant an.

Hinzu kommt die Selbstbeschränkung der EZB, nicht mehr als 33 Prozent der Anleihen eines Emittenten sowie nicht mehr als 25 Prozent von ausstehenden Anleihen mit einer EU-Umschuldungsklausel, der sogenannten Collective Action Clauses (CACs), zu besitzen. Allerdings hat die EZB bereits jetzt 21 Prozent aller ausstehenden deutschen Anleihen angekauft und könnte innerhalb der nächsten 15 Monaten die Grenze von 33 Prozent erreichen – vorausgesetzt die Staatsanleihekäufe werden über März 2017 hinaus fortgesetzt. Probleme bereitet auch eine weitere Regel. Danach kann die EZB keine Anleihen erwerben, deren Renditen unter dem Einlagenzins der EZB liegen – das schließt wiederum 43 Prozent der deutschen Anleihen aus.

Eine Ausweitung des QE-Programmes der EZB wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage weiter vergrößern. Gleichzeitig hat die Nachfrage nach diesen Papieren stark zugenommen, etwa durch Banken, Geldmarktfonds und Versicherer, ausgelöst durch regulatorische Vorgaben sowie eine generell steigende Risikoaversion.

Jede Entscheidung der EZB, das QE-Programm über März 2017 hinaus zu verlängern, vergrößert damit das Problem des Mangels am europäischen Staatsanleihenmarkt. Angesichts dieser Bedenken können die Zentralbanken künftig alternative Stimulierungsmaßnahmen in Erwägung ziehen. Die Anleiherenditen dürften in diesem Umfeld kurz- bis mittelfristig unter Druck geraten. Langfristig aber bleibt „Lower for Longer“ – der Ausdruck, der die neue Normalität niedriger Zinsen für länger als erwartet beschreibt, weiter gültig.“

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