Steigende Aktienkurse = Gute Konjunktur?

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

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Die Aktienkurse steigen, die Konjunktur geht in den Keller. Das passt nicht zusammen. Und trotzdem passiert es in diesen Wochen. Normalerweise nimmt man an, dass bei schlechterer Konjunktur die Gewinne der Unternehmen nachgeben und dass sich dies dann in niedrigeren Aktienkursen zeigt. Diesmal ist es aber ganz anders. Seit Mai verdüstert sich die Stimmung in den deutschen Unternehmen. Der Ifo-Index, der das erfahrungsgemäß recht gut widerspiegelt, geht zurück. Die Aktienkurse sind dem zunächst gefolgt. Der DAX ist nach dem furiosen Auftakt zu Beginn des Jahres gefallen. Die Welt schien in Ordnung. Seit Juni gehen die Kurse aber wieder deutlich nach oben. Was ist los?

Theoretisch könnte man annehmen, dass wir die Konjunktur falsch messen. Die Konjunkturindikatoren hinken bekanntlich der tatsächlichen Entwicklung hinterher. Sie können nicht (oder nur schlecht) erfassen, wenn sich die Wirtschaftsentwicklung im zweiten Halbjahr wieder beschleunigen sollte. Der Aktienmarkt schaut dagegen normalerweise weiter in die Zukunft. Es könnte also sein, dass der jüngste Anstieg der Aktienkurse ein Signal ist für eine günstigere Entwicklung in Zukunft.

Tatsächlich gibt es einige, die im zweiten Halbjahr wieder mit mehr Wachstum rechnen. Das zweite Vierteljahr – so ihre Argumentation – war aufgrund von Lagerbewegungen ein Ausreißer nach unten. Im dritten und vierten Quartal wird es wieder nach oben gehen. Nicht nur die Läger müssen aufgestockt werden.

Es wirken sich auch die geldpolitischen Lockerungen aus, die in den letzten Wochen in einer Reihe von Staaten ergriffen worden waren. China wird alles tun, um ein weiteres Absacken seiner Wachstumsrate zu verhindern. Wenn die Konjunktur dann wieder anzieht, werden auch die Aktienkurse weiter nach oben gehen.

Ich glaube das nicht. Ich bleibe nach wie vor skeptisch gegenüber der Konjunktur. Aus meiner Sicht hat der Anstieg der Aktienkurse einen anderen Grund: Das ist die Lockerung der monetären Bedingungen. Es ist mehr Geld in der Wirtschaft, die Zinsen sind gesunken. Damit haben die Investoren mehr Liquidität in der Tasche und sie müssen dafür Anlagen suchen.

Zudem sind die Zinsen so unattraktiv geworden, dass die Chancen am Aktienmarkt in einem besseren Licht erscheinen. Schließlich gibt es durch die hohe Liquidität und die niedrigen Zinsen Inflationsbefürchtungen, die ebenfalls für eine Anlage in Sachwerten sprechen. Die Rohstoffpreise sind in den letzten Wochen bereits in Bewegung geraten.