AB-Aktienkommentar „Unser Vorbild sind Private-Equity-Investoren“

Tawhid Ali und Andrew Birse, Portfolio Manager European Equities beim Asset Manager AllianceBernstein (AB)

Tawhid Ali und Andrew Birse, Portfolio Manager European Equities beim Asset Manager AllianceBernstein (AB)

Mit der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten sind die Sorgen um den Zusammenhalt der Eurozone vorerst in den Hintergrund gerückt. Befürchtungen um einen Absturz der europäischen Aktienmärkte und des Euro sind damit der Erleichterung und Zuversicht gewichen. Im Umfeld anhaltend niedriger Zinsen bieten Aktien in Europa weiterhin attraktives Ertragspotenzial. Doch wann kommt die nächste politische Krise? Gerade jetzt ist es wichtig, auf Unternehmen zu setzten, die über verschiedene Marktlagen hinweg langfristige Erträge liefern können.

Wir sind der Meinung, dass sich Anleger auf diejenigen Faktoren konzentrieren sollten, die nachhaltige Erträge generieren. Bei diesem Ansatz haben wir uns die Vorgehensweise von strategisch denkenden Private-Equity-Investoren zum Vorbild genommen. Bei ihrer Analyse von Unternehmen denken und handeln diese Anleger ganz anders als die meisten Akteure an den Kapitalmärkten. Ein großer Unterschied besteht beispielsweise darin, dass sie einen längeren Zeithorizont besitzen, der typischerweise etwa fünf Jahre beträgt.

Welche Private-Equity-Anlagetechniken können also besonders wertvolle langfristige Perspektiven liefern?

Analyse von Geschäftsstrategie, Umsetzung und Management

Aktienanleger fokussieren sich meist auf Kennzahlen wie Beta oder Volatilität. Diese Indikatoren verraten allerdings herzlich wenig über die Erfolgschancen eines Unternehmens. Private-Equity-Investoren hingegen kaufen Firmen, nicht Aktien. Sie konzentrieren sich auf Geschäftsstrategie, Betriebsabläufe, Marktdynamik und Managementqualität. Auch die Bilanzen der Unternehmen spielen eine große Rolle. Unternehmenseigner analysieren diese stets genauestens und achten darauf, dass beispielsweise die Ertragszahlen nicht „künstlich“ durch überzogene Schuldenaufnahme geschönt werden. Ebenso ist die Qualität der Unternehmensführung wichtig: Nur so kann eine erfolgreiche Umsetzung von Geschäfts- und Finanzplänen gewährleistet werden.

Fokus auf Cashflows

Cashflows sind der wohl wichtigste Indikator für die finanzielle Gesundheit eines Unternehmens. Während viele Aktienanleger die Gewinne ins Zentrum ihrer Analyse stellen, bevorzugen Private-Equity-Investoren die Analyse der Cashflows, da diese nicht so leicht manipuliert werden können wie ausgewiesene Gewinne. Cashflows zeigen transparent, wie viel Geld in das Unternehmen hinein- und wie viel herausfließt, sei es als Umlaufvermögen oder Investitionsaufwand. In der Gewinn- und Verlustrechnung sind diese Zahlen nicht zu finden. Ein hoher Cashflow ist ein Indikator dafür, dass ein Unternehmen viele richtige Entscheidungen trifft und gut positioniert sein sollte, um durch Investitionen sein Ertragspotenzial zu mehren.

Die Kennzahl, die von Private-Equity-Investoren meist verwendet wird, ist die Internal Rate of Return (IRR), zu Deutsch die Interne-Zinsfuß-Methode. Sie gibt an, ob das Ertragspotenzial eines Unternehmens, ausgedrückt durch die Summe allen zukünftig erwarteten Cashflows, größer oder kleiner ist als der Anschaffungspreis. Dies beinhaltet die Analyse der Dividenden sowie des erwarteten Erlöses, falls das Unternehmen in der Zukunft wieder veräußert wird. Die hierbei angelegten Schätzungen sollten sehr konservativ sein. Auf diese Weise kann die IRR das Ertragspotenzial unabhängig von Kursanstiegen der Aktie realistisch taxieren.

Langfristiger Horizont

Wenn schlechte Nachrichten eine Aktie ereilen, können nur wenige volatile Tage oder Wochen selbst eine langfristige Equity Story untergraben. Viele herkömmliche Investoren legen bei ihrer Titelauswahl einen Anlagehorizont von nur ein bis drei Jahren zugrunde. Spekulative Hedgefonds-Anleger denken oft gar nur bis zum nächsten Quartal. Wir dagegen sind davon überzeugt, dass eine klare Betonung der langfristigen Perspektive – auf Sicht von drei bis fünf Jahren – ein Festhalten an einer Investmentthese auch in turbulenten Perioden erleichtert.

Lösen von der Benchmark

Private-Equity-Investoren sind nicht an die Benchmarks gebunden, die das Handeln vieler Anleger an den offenen Kapitalmärkten dominieren. Unserer Ansicht nach hindert das Festhalten am Index die Investoren daran, das durch Research aufgedeckte Ertragspotenzial eines Portfolios zu nutzen. Anleger, die sich von der Benchmark loslösen, können dagegen ein konzentriertes Portfolio mit einer recht geringen Anzahl von Aktien aufbauen.

Unternehmenseigner suchen stets nach widerstandsfähigen Wachstums- und Profitquellen, auch wenn die konjunkturellen und politischen Umstände sich verändern. Mit einer ähnlichen Herangehensweise können auch Aktienanleger unserer Meinung nach in Europa überzeugende langfristige Anlagechancen identifizieren, die den äußeren Widrigkeiten trotzen können.