„Aberwitzige Selbstüberschätzung aktiver Manager“ Die absurde Dämonisierung von ETFs

Gerd Kommer ist Honorar-Finanzanlagenberater und Geschäftsführer von Gerd Kommer Invest

Gerd Kommer ist Honorar-Finanzanlagenberater und Geschäftsführer von Gerd Kommer Invest

Seit etwa 2015 ist in den Medien immer häufiger zu lesen, der Marktanteil von Indexfonds und ETFs sei "inzwischen gefährlich hoch" oder könne, wenn er weiterwachse, zu einem "systemischen Risiko" führen. Diese Kritik kommt beispielhaft in den nachfolgenden Zitaten zum Ausdruck:

  • „Der stille Weg in die Knechtschaft: Warum passives Investieren schlimmer ist als Marxismus“ (Titel eines Research-Memos zu Indexfonds der amerikanischen Stock Broker-Firma Sanford Bernstein im August 2016)
  • „Indexing ist eine massive Bedrohung für die Stabilität des Finanzsystems“ (Saker Nusseibeh, Vorstandsvorsitzender der britischen Fondsgesellschaft Hermes Investment Management in der Financial Times vom 26.9.2016)
  • „ETFs bergen enorme Gefahren und sind in vielen Fällen sogar eine Mogelpackung“ (Rainer Laborenz, Geschäftsführer der Azemos Vermögensmanagement GmbH, Offenburg, in einem Artikel auf dem Finanzportal Fondsprofessionell am 28.7.2017).

Bevor ich auf die inhaltliche Seite der Argumente der ETF-Kritiker eingehe, sei vorab ein Gesichtspunkt festgehalten, der für das Verständnis dieser Kritik hilfreich ist: Die ETF-Ablehnung kommt überwiegend von Vertretern der Finanzbranche, die ihr Geschäftsmodell und ihr Gebühreneinkommen durch die wachsende Popularität von ETFs bedroht sehen – also von Repräsentanten des "aktiven" Investment-Managements mit einem – wenn es um die Beurteilung von ETFs geht – scheunentorgroßen Interessenkonflikt. Seitens der neutralen Institution Wissenschaft existieren kaum neuere Veröffentlichungen, die den kleinen aber wachsenden Marktanteil von Indexfonds, einschließlich ETFs als ein systemisches oder strukturelles Problem einstufen. Wenn Sie daher wieder irgendwo eine Tirade gegen die angeblichen Struktur- oder Systemrisiken von ETFs lesen, lohnt es, genau hinzuschauen, wer da wettert. [1]

Inhaltlich lassen sich die Anti-ETF-Argumente in zwei Kategorien aufteilen: Kategorie-A-Argumente zielen auf die rechtliche ETF-Struktur ab (in Abgrenzung von den wirtschaftlichen Risiken der Asset-Klasse, die ein ETF abbildet). Diese rechtliche Struktur ist – ganz unspektakulär – eine Variante der generell hoch-regulierten so genannten UCITS-Investmentfonds, allgemeinsprachlich "Publikumsfonds". Kategorie B bezieht sich auf so genannte "systemische" Risiken, die die Verbreitung von Indexing (passivem Investieren) verursachen soll. Spezifisch ist damit die von Indexfonds und ETFs ausgehende Verdrängung anderer Formen in Aktien und Anleihen zu investieren gemeint. Daneben ist auch die "übergroße" Marktmacht der drei größten ETF-Anbieter sowie die möglichen Auswirkungen im Falle ihres Zusammenbruchs für die Kapitalmärkte Gegenstand von Kritik.

Kategorie-A-Argumente (Risiken aus der ETF-Struktur) kamen erstmalig um 2010 kurz nach dem Höhepunkt der großen Finanzkrise auf. Seitdem ist diese Diskussion im Sande verlaufen. Keines der damals beschriebenen angeblichen oder wenigstens theoretischen Strukturrisiken aus "synthetischen" ETFs (Swap-ETFs), inversen ETFs (Leerverkauf-ETFs), Leverage-ETFs (gehebelte ETFs) oder aus Wertpapierleihe hat sich in einer relevanten Weise materialisiert. Die Anteile der genannten drei ETF-Sonderformen am gesamten ETF-Marktvolumen sind ohnehin niedrig und sinkend (Swap-ETFs)[2] oder vernachlässigbar (inverse ETFs, Leverage-ETFs). Wertpapierleihe darf jeder aktive Publikumsfonds betreiben, nicht nur ETFs. Warum Wertpapierleihe dennoch immer nur im Zusammenhang mit ETFs als Risiko thematisiert wird, dürfte auf clevere Public Relations der aktiven Asset-Management-Branche zurückzuführen sein (siehe Eingangszitate).