Aktienmarkt „Deutschland derzeit nicht die erste Wahl“

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Normalerweise schätze ich die britische Wochenzeitung "„Economist“ für ihre klaren Analysen und für ihr gutes Gespür für Trends in Wirtschaft und Gesellschaft. Aber selbst gute Journalisten leisten sich manchmal einen Flop. Einer passierte im April dieses Jahres, als der Economist ein Special über „Cool Germany“ veröffentlichte. Er lobte das Land, das vor einer neuen Ära stünde. Es würde „vielfältiger, offener, informeller“ und ganz einfach „hip“. Es könne mit der richtigen politischen Führung zu einem Modell für den Westen werden.

Als Deutscher freute ich mich natürlich über das Lob der sonst so kritischen Briten. Es war in der Tat ungewöhnlich. Andererseits hatte ich schon damals ein ungutes Gefühl, ob das wohl alles so richtig und gerechtfertigt ist. Die Monate seitdem haben mich in meiner Skepsis bestärkt. Da hat sich die Situation in Deutschland nicht verbessert. Die Auseinandersetzungen über die Flüchtlinge und die Fremdenfeindlichkeit haben sich im Gegenteil verschärft.

Martin Hüfner, Assenagon 

Die Kapitalmärkte sind für solche Schwächen immer empfänglich. Vor allem bei Aktien zeigt sich in letzter Zeit ein Trend, den viele so bisher nicht auf dem Schirm hatten. Schauen Sie sich die Grafik an. Seit fast zwei Jahren bleibt der Dax hinter anderen Indizes in Europa zurück. Während der französische CAC 40 um 11 Prozent und der Wiener ATX gar um 25 Prozent stiegen, liegt er heute praktisch unverändert auf dem Niveau von 2016. Der italienische MIB war zeitweise ebenfalls um 25 Prozent gestiegen, ist aber nach den Wahlen kräftig gefallen.

Aktienkurse in Europa

Kursindizes, Entwicklung seit Ende 2016 Quelle: Yahoo Finance; Grafik: Assenagon Asset Management

Wem die Zahlen beim Dax zu niedrig vorkommen, muss berücksichtigen, dass es sich hier um den Kursindex handelt. Er nimmt etwas langsamer zu als der in der Öffentlichkeit gebräuchlichere Performance-Index, denn er enthält nicht die Dividenden. Wenn man jedoch internationale Vergleiche vornimmt, muss man überall gleich konstruierte Indizes nutzen. Der CAC 40, der MIB und der ATX sind jeweils Kursindizes.

»Die Performance Deutschlands ist nicht nur beim Fußball schlechter geworden.«

Was die Grafik zeigt, ist nicht nur eine temporäre, zufällige Abweichung. Es ist ein neuer Trend. Die Performance Deutschlands ist nicht nur beim Fußball schlechter geworden. Sie ist auch in der Wirtschaft und auf den Finanzmärkten nicht mehr so gut. Das „neue Deutschland“ ist, jedenfalls aus wirtschaftlicher Sicht, nicht hip und „ein Modell für den Westen“, wie der Economist sagt. Es ist eher ein Nachzügler.

Politisches System wird immer instabiler

Das lässt sich mit Facts und Figures belegen. Es fängt mit Politik und Gesellschaft an. Die Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl war ungewöhnlich schwierig und lang. Die schließlich gebildete Große Koalition hat bisher noch nicht viel zustande gebracht. Sie verliert an Zustimmung bei den Wählern. Umgekehrt gewinnt die rechtsextreme AfD an Popularität. Der öffentliche Streit über die Flüchtlinge wird aggressiver. Das macht das politische System der Bundesrepublik weniger stabil.