Shareholder-Aktivismus, Teil 1 Geißel oder Segen für die Aktienkultur?

Jürgen Kurz: „Nicht immer sind die Aktivisten nur auf den schnellen Euro aus“.  | © DSW

Jürgen Kurz: „Nicht immer sind die Aktivisten nur auf den schnellen Euro aus“. Foto: DSW

Zunächst klingt der Begriff „Shareholder Activism“ durchaus positiv. Wer würde auch etwas gegen aktive Aktionäre haben? Anteilseigner, die sich für das Unternehmen, an dem sie beteiligt sind, interessieren und mit konstruktiver Kritik versuchen, die Geschäftsentwicklung und damit den Aktienkurs zu verbessern, sind schließlich durchaus begrüßenswert, werden sie doch ihrer Verantwortung als Miteigentümer gerecht. Allerdings wäre eine solche Sichtweise auf aktivistische Aktionäre sicher deutlich zu naiv.

Allzu oft geht es den Aktivisten bei ihren Aktivitäten eben nicht darum, das betreffende Unternehmen weiterzuentwickeln und fit für die Zukunft zu machen, sondern lediglich um die mal mehr mal weniger kurzfristig ausgerichtete Maximierung des eigenen Gewinns. Was danach mit der betroffenen Aktiengesellschaft passiert, interessiert nicht mehr wirklich. Diese Strategie, die sicher nicht bei allen aktivistischen Aktionären gleich stark ausgeprägt ist, hat ihnen in Deutschland das wenig schmeichelhafte Label der „Heuschrecken“ beschert. Und wer den Film Wall Street und seinen Protagonisten Gordon Gekko gesehen hat, weiß auch warum. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft.

Zum Repertoire gehören offene Briefe an das Management ebenso wie das Verklagen des Unternehmens oder die massive Konfrontation auf der Hauptversammlung, um nur einige Beispiele zu nennen. Da überrascht es nicht, dass Guy Wyser-Pratt, eines der Urgesteine des Shareholder Activism, die von ihm ins Visier genommenen Unternehmen einst mit dem wenig geschmackvollen Zitat „Wake up and smell the napalm“ warnte. Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich rund 800 Unternehmen durch diesen Aktivisten-Wolf gedreht. Allein in Deutschland sind es mittlerweile bereits 50 bis 60 Gesellschaften pro Jahr. Fälle wie Gea, Grammer, Stada oder gerade aktuell ThyssenKrupp sind hier nur die Spitze des Eisbergs.

Doch wer oder was sind nun diese aktivistischen Aktionäre? Und seit wann sind sie in Deutschland aktiv? Die Definition ist einfach: Bei Shareholder Activism handelt es sich kurzgesagt um das interventionistische, oft aggressive Einwirken institutioneller Investoren auf Unternehmensführung, Strategie und Kapitalstruktur von Aktiengesellschaften mit dem Ziel der Renditemaximierung. In der Regel sind es Hedgefonds, die sich dieser Spielart des aktiven Investierens bedienen. Der Vorteil dieser Fonds-Spezies liegt auf der Hand: Sie sind nicht – wie etwa Aktien- oder Anleihefonds – an bestimmte Investitionsvorschriften gebunden, sondern weitgehend frei in der Wahl ihrer Mittel. Trotzdem sind die Grenzen nicht undurchlässig. So können erklärte aktivistische Investoren durchaus langfristig orientiert sein und klassische Value-Anleger sich der Mittel von Aktivisten bedienen. Ganz trennscharf ist der Begriff also nicht.

Dass Deutschland, obwohl es zu den größten Volkswirtschaften der Welt gehört, erst recht spät ins Visier der Aktivisten geriet, hat mit der als „Deutschland AG“ bezeichneten Kapitalstruktur zu tun, die 2001 endgültig aufgebrochen wurde. Zu verstehen war hierunter ein System wechselseitiger Kapital- und Konzernverflechtungen börsennotierter Gesellschaften unter Einschluss der kreditgebenden Banken oder Versicherungsgesellschaften bei relativ geringem Streubesitz. Zu den Hochzeiten der Deutschland AG hielten etwa die Deutsche Bank und die Allianz Versicherung an fast allen wichtigen deutschen Industrieunternehmen namhafte Beteiligungen und waren in der Regel auch in den jeweiligen Aufsichtsräten vertreten. Für Aktivisten sind das denkbar ungünstige Voraussetzungen, um Druck auf das Management aufzubauen und gleichzeitig Allianzen mit anderen unzufriedenen Anteilseignern zu schmieden, um so die Protestbasis zu verbreitern.