BlackRock-Analyse Was der Brexit für Deutschland bedeutet

Felix Herrmann (links), Kapitalmarktstratege, und Martin Lück (rechts), Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

Felix Herrmann (links), Kapitalmarktstratege, und Martin Lück (rechts), Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

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Seit dem EU-Referendum vom 23. Juni in Großbritannien ist es bemerkenswert ruhig geworden. Die Finanzmärkte haben sich erholt und notieren mehrheitlich höher als Ende Juni nach dem post-Brexit-Rückschlag. Mit etwas zeitlichem Abstand haben die Kapitalmarktstrategen Martin Lück und Felix Herrmann von BlackRock jetzt untersucht, wie sich der Brexit wirtschaftlich und politisch auf Deutschland auswirken könnte.

Export: Autobranche ist der größte potenzielle Verlierer

Großbritannien ist einer der wichtigsten Partner Deutschlands im Außenhandel. 2015 gingen rund 7,5 Prozent aller deutschen Exporte über den Ärmelkanal. Für die Exporteure birgt der Brexit daher mehrere Risiken. Eine fortgesetzte Abwertung des Britischen Pfunds verteuert deutsche Waren für Käufer auf der Insel. Zweitens würden mögliche Grenzkontrollen und höherer bürokratischer Aufwand Exporte verzögern und komplizieren. Drittens könnten Zölle, die innerhalb der EU entfallen, Exporte zusätzlich verteuern. Die gravierendsten Konsequenzen dürfte der Autosektor zu tragen haben. Mit Lieferungen im Wert von fast 29 Milliarden Euro für Fahrzeuge und Fahrzeugteile im Jahr 2015 ist die Branche der größte potenzielle Brexit-Verlierer, gefolgt von Maschinenbau und Pharma.

Direktinvestitionen: Projekte auf Eis gelegt oder storniert

Auch bei den Direktinvestitionen hat Großbritannien für Deutschland eine auffällig starke Bedeutung. 2014 flossen rund 11,5 Prozent der gesamten Investitionen im Ausland auf die Insel. Umgekehrt stammten 8,2 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen hierzulande aus Großbritannien. Aufgrund der Unsicherheit nach dem EU-Referendum dürften bereits geplante Investitionsprojekte auf Eis gelegt oder storniert werden, und zwar in beide Richtungen. Dieser Zustand könnte Jahre andauern. Danach wird sich die Investitionsbereitschaft wohl nach der relativen Vorteilhaftigkeit richten.

Gibt es zum Beispiel einen harten Brexit und auf Sicht kein neues Handelsabkommen, dürfte es für deutsche Banken und Versicherungen weniger interessant sein, in Großbritannien zu investieren, weil vermutlich die Bedeutung Londons als europäisches Finanzzentrum abnehmen würde. Für deutsche Fahrzeughersteller und andere Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes könnte Großbritannien dagegen sogar ein interessanteres Investitionsziel werden, weil infolge der Pfund-Abwertung die Produktionskosten dort, in Euro gerechnet, sinken würden.

Arbeitsmarkt und Konsum: Entspannte Stimmung

Rund 2.000 deutsche Unternehmen mit etwa 420.000 Mitarbeitern sind in Großbritannien aktiv, das entspricht etwa 1,3 Prozent des britischen Arbeitskräftepotentials. Umgekehrt beschäftigen über 1.300 britische Firmen mehr als 220.000 Mitarbeiter in Deutschland, ein Anteil von rund 0,5 Prozent. Es ist also davon auszugehen, dass der Brexit eine hohe Zahl an Arbeitskräften unmittelbar betrifft. Umfragen zeigen, dass durchaus eine signifikante Zahl britischer Fachkräfte sich auf den Weg nach Deutschland machen könnte. Arbeitnehmer nehmen diesen möglichen Zustrom aber ebenso wenig als Bedrohung für ihre Jobs wahr wie die erwartete wirtschaftliche Abschwächung in beiden Ländern.