Blick auf die Märkte „Es geht nicht nur um Wachstum“

Martin Lück, Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

Martin Lück, Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

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Wieder einmal wird das Wohlergehen der Finanzmärkte maßgeblich von den Zentralbanken bestimmt. Diese Woche stehen Entscheidungen mehrerer Institute an, darunter die Bank of Japan, die Schweizer Nationalbank und die Bank of England. Von allen drei Häusern erwarten wir, dass die expansive Geldpolitik fortgesetzt oder sogar verstärkt wird.

Ganz anders die für Mittwoch anstehende Entscheidung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed): Hier erwarten wir Hinweise auf eine schrittweise Straffung der Geldpolitik, auch wenn sich das in dieser Woche noch nicht im zweiten Zinsschritt äußern dürfte. Janet Yellen, die Präsidentin der Fed, dürfte aber am eingeschlagenen Kurs festhalten und darauf hinweisen, dass die US-Wirtschaft hinreichend solide und der Inflationsausblick positiv genug für weitere Zinsanhebungen sind.

Letzte Woche haben schon die Bank of Canada und die Europäische Zentralbank (EZB) vorgelegt. Insbesondere die EZB stand im Mittelpunkt des Interesses. Tatsächlich gelang es ihrem Präsidenten Mario Draghi, die Finanzmärkte wieder mit einem üppigen Strauß an geldpolitischen Maßnahmen zu überraschen.

EZB weitet Anleihenkäufe aus

Dessen Hauptelemente sind eine Senkung des Hauptfinanzierungssatzes um fünf und des Depositenzinses um zehn Basispunkte. Hinzu kommt eine massive Ausweitung der monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro und ein neuer Liquiditäts-Tender, mit dem Banken dazu bewegt werden sollen, mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben.

Viele Investoren fragen sich jedoch, ob die EZB – und mit ihr andere Zentralbanken – mit den getroffenen Maßnahmen Wachstum generieren können. Die Antwort, zumindest aus unserer Perspektive, ist: Wahrscheinlich nicht. Aber darum geht es primär auch gar nicht.

In der Tat denken wir nicht, dass die EZB glaubt, die Kreditvergabe in großem Umfang anschieben zu können. Die Erfahrung, dass selbst großzügige und extrem zinsgünstige Bereitstellung von Liquidität nicht ausreicht, um die Kreditbranche wachsen zu lassen, hat die Zentralbank bereits gemacht.

Kreditnachfrage bleibt gering

Scheinbar gibt es ein Problem mit der Kreditnachfrage, solange Unternehmen keine ausreichenden Absatzchancen für ihre Produkte sehen oder keine neuen Kredite aufnehmen wollen, solange sie noch mit der Rückzahlung der alten beschäftigt sind. So sehr also die Zentralbank das Kreditangebot ausweitet, so wenig bewegt das die Banken, mehr Kredite auszugeben.

Vielmehr scheint der Sinn des neuen Tenders darin zu bestehen, einen Ausgleich zur neuerlichen Senkung des Einlagezinssatzes zu schaffen. Spätestens seit der unerwartet schlechten Marktreaktion auf die Entscheidung der Bank of Japan, ihren Einlagezins in den negativen Bereich zu senken, sind die Finanzmärkte extrem sensibilisiert bezüglich der Auswirkungen solcher Entscheidungen auf die Rentabilität der Banken. Uns erscheint es daher wahrscheinlich, dass die EZB mit dem Liquiditäts-Tender eher ein Bonbon für die Banken als eine echte Belebung der Kreditvergabe im Auge hatte.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Anleger stellt sich die Frage, wie es mit dem Trade-off zwischen Kosten und Nutzen dieser aggressiven Zentralbankpolitik aussieht. Kosten entstehen sicherlich, etwa in Form entgangener Zinsen für Sparer und der Gefahr von Preisblasen bei Immobilien und anderen realen Anlagen. Der Nutzen mag darin liegen, die Realzinsen zu drücken, wenn es durch derart expansive Maßnahmen tatsächlich gelingt, die Inflationserwartungen zu stabilisieren.

Solange der Ölpreis fiel, war dies ein vergeblicher Kampf. Nun, da Öl- und Rohstoffpreise die Talsohle durchschritten haben und die US-Inflationsraten Hoffnungen wecken, erscheint ein Erfolg der Zentralbanken wieder denkbar. Seien wir also Optimisten und geben der EZB einen Vertrauensvorschuss. Ihr wichtigstes Ziel, die Rückkehr der Inflation auf über 2 Prozent, kommt deutschen Sparern zugute.