Degussa-Goldhandel-Chefvolkswirt „Ob Bitcoin billig oder teuer ist, lässt sich nicht sagen“

Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel Thorsten Polleit:

Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel Thorsten Polleit: "Beim Bitcoin gehen Anleger eine „Alles-oder-Nichts“-Wette ein." Foto: Degussa Goldhandel

Steigt der Bitcoin zum neuen Geld auf? Ist die Cyber-Einheit vielleicht sogar das „neue Gold“? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, der ist gut beraten, sich einige grundlegende geldtheoretische Erkenntnisse vor Augen zu führen. Dazu gehört insbesondere die Erkenntnis, wie sich der Wert des Geldes – die Kaufkraft des Geldes – herausbildet. Die Kaufkraft des Geldes ist die Anzahl der Güter, die man für die Hingabe einer Geldeinheit erhält. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Geldangebot und Geldnachfrage. Wenn zum Beispiel Herr Schulz einen Apfel für 1 Euro nachfragt, so bedeutet das, dass er Anbieter von Geld ist. Wenn der Obsthändler einen Apfel für 1 Euro anbietet, so bedeutet das, dass er Geldnachfrager ist. Einigen sich Herr Schulz und der Obsthändler darauf, dass 1 Apfel für 1 Euro getauscht wird, so beträgt die Kaufkraft des Euro 1 Apfel.

Kein Totalverlust bei Gold

Gehen wir einen Schritt weiter und machen wir uns klar, wie sich die Kaufkraft des Waren- oder Sachgeldes – beispielsweise in Form des Goldgeldes – erklärt. Gold wird nachgefragt aus einer Reihe von Gründen. Man verwendet es in der Industrie und zu Schmuckzwecken. Das ist die Nachfrage nach Gold aufgrund nichtmonetärer Motive. Zusätzlich gibt es die Nachfrage nach Gold aufgrund monetärer Motive: Menschen wollen Gold halten, weil sie beispielsweise im gelben Metall das Beste, das „ultimative Zahlungsmittel“ erblicken. Beide Nachfragemotive zusammen genommen ergeben die Gesamtnachfrage nach Gold.

Selbst wenn Gold nicht mehr aufgrund monetärer Motive nachgefragt würde, hätte es immer noch eine Nachfrage aufgrund nicht-monetärer Motive. Mit anderen Worten: Solange es eine nicht-monetäre Verwendung für das Gold gibt, wird das Gold auch immer einen positiven Marktpreis haben. Die Kaufkraft des Goldes (sein Tauschwert gegenüber anderen Gütern) kann so gesehen nicht auf null fallen; Gold kann nicht zum Totalverlust werden.

Was die Bitcoin-Nachfrage beflügelt

Wie stehen die Dinge bei den Kryptoeinheiten? Nun, die Nachfrage nach zum Beispiel Bitcoin (dem derzeit prominentesten Vertreter aus dem Kreise der Krypoteinheiten Krypoteinheiten, die um die Geldfunktion konkurrieren) speist sich ebenfalls aus zwei Motiven:

  1. Mit Bitcoin lassen sich verschlüsselte, Blockchain-basierte Transaktionen abwickeln. Der Bitcoin dient in dieser Verwendung als (eine unter vielen anderen) Verschlüsselungsmöglichkeiten. So gesehen gibt es also für den Bitcoin eine Nachfrage aufgrund eines nicht-monetären Motivs.
  2. Der Bitcoin hat zudem auch eine Nachfrage aufgrund eines monetären Motives: Eine wachsende Zahl von Menschen hofft darauf, dass der Bitcoin zum neuen Geld wird, vielleicht sogar die etablierten Fiat-Währungen ablösen wird: Der Bitcoin hat in der Tat viele Eigenschaften, die ihn zu gutem Geld machen könnten.

Eine zentrale Frage bleibt jedoch: Könnte es sein, dass der Bitcoin irgendwann einmal durch eine neue Krypto-Innovation überrundet, vielleicht durch sie obsolet wird? Vielleicht ist es künftig möglich, eine neue, mengenmäßig begrenzte Kryptoeinheit zu entwickeln, die einfacher, schneller und kostengünstiger zu handhaben ist als der Bitcoin? Wenn das der Fall sein sollte, könnte die Bitcoin-Nachfrage aufgrund monetärer Motive im Extremfall ganz verschwinden. Und vielleicht wäre damit dann auch die Bitcoin-Nachfrage aufgrund des nichtmonetären Motivs in Frage gestellt. Kurzum: Der Bitcoin könnte im Extremfall wertlos werden, er unterliegt so gesehen einem Totalverlustrisiko.