Rückblick Sechs Lehren aus einem turbulenten Jahr

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Das Jahr 2016 wird vermutlich vielen nicht in besonders guter Erinnerung bleiben. Terror, kriegerische Auseinandersetzungen und politische Entwicklungen, die zumindest nachdenklich stimmen, haben die Schlagzeilen dominiert und die Stimmung belastet. Bei einem Blick auf die Chartverläufe verschiedener wichtiger Aktienindizes ist von dieser trüben Stimmung allerdings nicht viel zu sehen. Aus der Perspektive vieler Anleger dürfte das Jahr 2016 unter dem Strich letztlich sogar erfreulich verlaufen sein. Der Weg hin zu den  positiven Vorzeichen bei der Jahresperformance war jedoch ein kurvenreicher.

Wir bei BlackRock haben aus den Wechselwirkungen zwischen Finanzmarktentwicklungen und Presse-Schlagzeilen aber auch aus den Reaktionen der Kurse auf veränderte fundamentale Rahmenbedingungen einige Lehren gezogen, die wir zum Jahresende gerne teilen möchten.

Lehre Nummer 1: Vertraue keinen Umfragen!

In einem Jahr, das bei mehreren bedeutsamen Wahlen überraschende Ergebnisse hervorgebracht hat, kann die erste wichtige Erkenntnis nur lauten, dass viele Umfrageinsitute offenbar ihre Methodik überdenken müssen. Insbesondere scheint das Wahlverhalten der vielen Nicht- bzw. Erstwähler nicht richtig prognostiziert worden zu sein. Für 2017 – ein erneutes „Superwahljahr“ – mahnt diese Lehre zur Wachsamkeit. Dies gilt für Anleger vor allem bei taktischen Positionierungen.

Lehre Nummer 2: Anleger neigen – im Durchschnitt – nicht zu Pessimismus

Sowohl das Brexit-Votum als auch ein möglicher Wahlsieg Trumps in den USA waren im Vorfeld von vielen als potenzielle Hiobsbotschaften für die Märkte auserkoren worden. Nicht ohne Grund, denn tatsächlich gehen beide Ereignisse mit erheblichen Risiken für die beiden direkt betroffenen Länder, aber auch für den Rest der Welt, einher. Dennoch lässt die weltweite Wertentwicklung der Aktienmärkte nach den Wahlen vermuten, dass sich die Mehrheit zunächst auf die möglichen positiven Begleiterscheinungen – vor allem in Bezug auf den Wahlsieg Trumps – zu fokussieren scheint. Man kann den Optimismus insofern nachvollziehen, als dass die Agenda Trumps tatsächlich – zumindest kurzfristig – mehr Wachstum verspricht. Der Optimismus ist nicht zu verurteilen – man sollte jedoch im Hinterkopf behalten, dass sich die Wahrnehmung auch ändern kann.

Lehre Nummer 3: Europäische Aktien haben Potenzial, tun sich aber schwer mit dessen Entfaltung

Vieles spricht aus fundamentaler Perspektive für europäische Aktien. Der schwache Euro etwa oder die weiterhin sehr günstigen Refinanzierungsbedingungen der Unternehmen hier in Europa. Zudem dürften Europas Unternehmen aufgrund ihrer im Schnitt sehr starken Vernetzung mit der Welt überdurchschnittlich von der erwarteten globalen Wachstumsbeschleunigung profitieren. Allerdings halten sich vor allem Anleger außerhalb des alten Kontinents weiterhin sehr stark mit Euro-Investments zurück. Man scheint sich in Asien und den USA weiterhin vor den politischen Unsicherheiten fürchten, die auf den Aktienmarkt ausstrahlen könnten. Erst wenn diese weitestgehend überwunden sind, erscheint eine nachhaltige Rückkehr dieser Investoren wahrscheinlich.

Lehre Nummer 4: Schwellenlandinvestment ist nicht gleich Schwellenlandinvestment

An der stark unterschiedlichen Wertentwicklung des brasilianischen und des mexikanischen Aktienindex konnte man in diesem Jahr beispielhaft die große Heterogenität von Schwellenlandinvestments beobachten. Die Heterogenität lässt sich dabei also nicht nur zwischen sondern auch innerhalb der Regionen finden. Während einige Schwellenländer heute deutlich widerstandsfähiger sind als noch vor einigen Jahren, leiden andere nach wie vor unter versäumten Hausaufgaben. Selektion bleibt also der Schlüssel zum Erfolg. Der Pawlowsche Reflex, nach dem Anleger regelmäßig das gesamte Schwellenländer-Segment in Sippenhaft nehmen, wenn die allgemeine Risikoaversion steigt, war allerdings auch in diesem Jahr vereinzelt wieder zu beobachten.

Lehre Nummer 5: Zinsen können auch steigen

Wir glauben, dass wir im Jahr 2016 bis auf weiteres das Tief bei den Zinsen gesehen haben und somit, dass der jehrzehntelange Trend hin zu immer niedrigeren Zinsen ein Ende gefunden hat. Die Entwicklung in Richtung höherer Inflationsraten sowie die Aussicht auf ein stärkeres Wachstum in den USA und den Schwellenländern sollte den Aufwärtsdruck auch im Jahr 2017 aufrecht erhalten – auch in Europa.

Lehre Nummer 6: Die Parität bei EUR/USD ist eine schwer zu knackende Nuss

Nach einem schwachen Start konnte die US-Währung das abgelaufene Jahr doch noch mit einem neuen Rekord abschließen. Im Vergleich zu den wichtigsten Handelswährungen der USA ist der Dollar so stark wie seit 14 Jahren nicht mehr. Der „Greenback“, wie die US-Währung auch genannt wird, profitierte dabei vor allem von der Aussicht auf steigende Zinsen in den USA. Im Vergleich zum Euro ist die Parität allerdings auch im Jahr 2016 nicht gefallen. Die psychologisch wichtige Marke scheint eine gewisse antimagnetische Wirkung zu haben. Die immer weiter gewachsene Zinsdifferenz zwischen den USA und der Währungsunion wird allerdings immer mehr Gelder in die USA fließen lassen. In 2017 sollte die Parität daher vermutlich erreicht werden.