AGI-Chef für deutsche Aktien „Volksaktien haben mehr geschadet als genutzt“

Wünscht sich hierzulande mehr Aktienkultur: Christoph Berger, Leiter deutsche Aktien bei Allianz Global Investors | © Allianz GI

Wünscht sich hierzulande mehr Aktienkultur: Christoph Berger, Leiter deutsche Aktien bei Allianz Global Investors Foto: Allianz GI

Die Aktienkultur hierzulande lässt zu wünschen übrig. Wo liegen die Ursachen?

Christoph Berger: Sicher wäre eine größere Beteiligung der Bevölkerung am Aktienmarkt wünschenswert. Damit könnten auch größere Teile der Bevölkerung am Erfolg der Wirtschaft und den steigenden Gewinnen der Unternehmen partizipieren. Immerhin schütten die im Dax notierten Unternehmen dieses Jahr Dividenden von über 36 Milliarden Euro aus. Die Dividendenrenditen sind im Vergleich zu Sparzinsen oder den Renditen deutscher Staatsanleihen attraktiv. Einige Kampagnen, wie zum Beispiel die der „Volksaktie“ bei der Telekom, haben der Aktienkultur langfristig leider eher geschadet. Viel sinnvoller ist es, sich über ein diversifiziertes Portfolio an der Börse zu beteiligen.

Was würden Sie neuen Anlegern ansonsten mit auf den Weg geben?

Berger: Langfristig zahlt sich die Investition in Aktien aus. Dies zeigt sowohl das Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts als auch die Performance der ältesten deutschen Aktienfonds Fondak und Concentra. Gleichwohl wird es auch immer mal wieder Kursrückschläge geben, die – wie die Vergangenheit zeigt – auch durchaus deutlich ausgeprägt sein können. Inklusive des Crash im Jahr 1987 hatten wir in den letzten drei Jahrzehnten elf deutliche Korrekturphasen. Besonders stark ausgeprägt war die vom Juli 2007 bis März 2009 mit fast 55 Prozent an Kursverlusten. Aus heutiger Sicht deutet sich keine Krise ähnlichen Ausmaßes an, dennoch werden einem auch „normale“ Korrekturphasen mit 15 bis 30 Prozent in der Langfristperspektive immer wieder begegnen. Privatanleger mit einem Fondssparplan für deutsche Aktien können das Timing-Risiko reduzieren und handeln automatisch antizyklisch. Neben der wichtigen Frage wo wir gerade im Konjunktur- oder Börsenzyklus stehen, sollte aber auch nicht vergessen werden, dass sich strukturelle Trends wie Digitalisierung, Industrie 4.0, E-Commerce oder auch E-Mobilität eher beschleunigen. Dies sollte bei der Aktienauswahl ebenfalls berücksichtigt werden, etwa über einen aktiv gemanagten Aktienfonds.

Der Dax wird 30. Wie beurteilen Sie seine Bedeutung für Deutschland und den internationalen Kapitalmarkt? 

Berger: Der Dax ist der bekannteste und am weitesten verbreitete Index und damit eine Art Fieberthermometer für den deutschen Aktienmarkt. Aktuell beträgt die Marktkapitalisierung der im Dax notierten Unternehmen circa 1,2 Billion Euro – dies entspricht etwa 35 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Auch wenn der Dax eher die deutschen Großunternehmen und weniger die Wirtschaft in der Breite repräsentiert, ist er der wichtigste Börsenindikator und übrigens auch stark korreliert mit der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts. Aktionäre in deutsche Unternehmen partizipieren eben an der Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft, die sich im internationalen Vergleich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt hat.

Was zeichnet die drei Jahrzehnte aus?

Berger: Der Dax hat sich mit der deutschen Wirtschaft gewandelt. Unternehmen wie Feldmühle Nobel, Nixdorf, Kaufhof oder Karstadt, die bei der Dax-Auflage am 30. Dezember 1987 auf dem Kurszettel waren, haben sich anderweitig entwickelt. SAP dagegen ist erst seit September 1995 im Dax und inzwischen mit einer Marktkapitalisierung von fast 120 Milliarden Euro das „wertvollste“ Dax-Unternehmen. Zum Vergleich: Im Jahr 1987 lag die Kapitalisierung des gesamten Index bei etwas über 200 Milliarden D-Mark, umgerechnet knapp mehr als 100 Milliarden Euro. In einigen Branchen beschleunigen sich die strukturellen Trends, was besonders Investoren die Möglichkeit gibt, durch Auswahl der Unternehmen, die hiervon besonders profitieren, eine bessere Rendite zu erwirtschaften als der Dax insgesamt.