Azemos-Chef Rainer Laborenz Die Krux mit den ESG-Kriterien

Rainer Laborenz ist Geschäftsführer von Azemos Vermögensmanagement in Offenburg. | © Azemos Vermögensmanagement

Rainer Laborenz ist Geschäftsführer von Azemos Vermögensmanagement in Offenburg. Foto: Azemos Vermögensmanagement

Sind Polizeipistolen böse?

Unter ethischem Investment versteht man Geldanlagen, die neben rein wirtschaftlichen Anlagezielen auch ethische und nachhaltige Wertvorstellungen des Anlegers berücksichtigen. Doch die Orientierung ist nicht einfach, denn Ethik bezieht sich vor allem auf moralische Werturteile – welches Handeln ist gut, richtig oder gerecht. Hier gibt es von Mensch zu Mensch sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Was ist mit Pharma-Unternehmen, die mit auf das Notwendigste reduzierten Tierversuchen lebensrettende Medizin für Menschen entwickeln? Wie ist es mit Agrarunternehmen, die in Ländern der Dritten Welt Lebensmittel gentechnisch vermehren und Menschen satt machen? Sind Waffen generell böse, also auch Polizeipistolen, Messer und Sportwaffen, oder gilt das nur für geächtete Waffen wie Landminen. Die Beantwortung der Ethik-Frage ist nicht schwarz oder weiß.
Daher bemüht sich die Branche seit Jahren um feste Standards. Bei nachhaltigen Geldanlagen wird für die drei Nachhaltigkeitskriterien die Kurzbezeichnung ESG verwendet – nach den englischen Begriffen Environment (E), Social (S), Governance (G).

ESG-Indizes

Für Aktien- und Anleihen-Investoren gibt es inzwischen sogenannte Nachhaltigkeitsindizes, die von spezialisierten Ratingagenturen zusammengestellt werden. Die bekanntesten sind Oekom Research in München sowie die Sustainable Asset Management Group (SAM) in Zürich. SAM entscheidet beispielsweise über die Zusammensetzung des Dow Jones Sustainability Index (DJSI). Doch deren Rating verändern sich mit der Zeit.

Gerade einmal eine Woche lang konnte sich beispielsweise der Volkswagen-Konzern im Herbst 2015 rühmen, „nachhaltigster Autohersteller der Welt“ zu sein, ausgezeichnet von der Ratingagentur Robeco SAM. Diese zeichnet jedes Jahr die grünen Vorbilder unter den Weltkonzernen aus: Unternehmen, die sich besonders durch Umweltschutz oder soziale Verantwortung hervortun. Die Bewertung ist nicht nur wichtig fürs Image, sie wirkt auch als Rechtfertigung für grüne Fonds rund um den Globus, die Aktien eines Konzerns ins Portfolio aufzunehmen. Dann kam der Skandal um manipulierte Abgaswerte. Das warf die Umweltbilanz des angeblich nachhaltigsten Autokonzerns über den Haufen und die Aktie flog wieder aus den Nachhaltigkeitsfonds.

9 von 10 Produkten durchgefallen

Erschwerend bei der Selektion kommt hinzu, dass mit der wachsenden Nachfrage nach ethischen Geldanlagen die Zahl der unseriösen Angebote explodiert, die das Modelabel nutzen möchten, um von diesem Trend zu profitieren. Experten der Verbraucherzentrale Bremen haben unlängst eine Vielzahl gängiger Nachhaltigkeitsfonds untersucht und am Ende ernüchternd konstatiert, dass mehr als 90 Prozent durchgefallen sind, weil sie beispielsweise Investitionen in die klimaschädliche Kohle- und Ölindustrie nicht ausschließen, und dass es häufig sogar egal ist, wenn ein Unternehmen sein Geld mit der Produktion von Panzern verdient.

Der weltgrößte Staatsfonds, Norges Invest aus Norwegen, geht hier mit gutem Beispiel voran, indem er generell Investitionen in die Militärindustrie ausschließt – übrigens ganz im Gegensatz zu deutschen Bankhäusern. Deutsche Bank und Commerzbank waren in den letzten Jahren mit Geldflüssen an die Atomwaffenbranche sehr aktiv und ausgerechnet die genossenschaftliche DZ Bank mit dem hauseigenen Flaggschiff-Fonds Uni Global verzeichnet die größten Steigerungsraten bei Investitionen in Rüstungstechnik.

Keine Negativ-Wirkung aufs Anlageergebnis

Inzwischen gibt es zahlreiche Beispiele, die belegen, dass positive ESG-Ratings direkte Auswirkungen auf Erträge, Aktienkurse und Kreditratings haben können. Die Mär, dass die Berücksichtigung ethischer Kriterien sich generell negativ auf die Performance eines Depots auswirkt, hat unlängst der Indexanbieter MSCI im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie eindrucksvoll widerlegt. Investoren, Vermögensverwalter und Fondsmanager können durch die Allokation der Gelder Einfluss nehmen. Je mehr Anleger ihr Geld nach ethischen Regeln arbeiten lassen, desto stärker werden die Spielregeln auf den Finanzmärkten durch ethische Faktoren beeinflusst: Mehr Geld für eine gerechtere Welt bedeutet mehr Investitionen in eine nachhaltige Zukunft und ein Finanzsystem, das den Menschen dient.