Kommentar aus der Redaktion Die hässliche Seite der Digitalisierung

Mag es nicht, wenn seine Kaffeemaschine im Internet surft: DAS-INVESTMENT-Redakteur Andreas Harms | © Kasper Jensen

Mag es nicht, wenn seine Kaffeemaschine im Internet surft: DAS-INVESTMENT-Redakteur Andreas Harms Foto: Kasper Jensen

„Onkel Andreas, das war jetzt schon dein drittes Bier“ – was kann einem zum Grillabend schöneres passieren als ein Neffe, der einem vorzählt, wie viel Gerstensaft man schon intus hat? Nervt, oder? Eben.

Und jetzt stellen wir uns mal ein Geldsystem vor, das jedes Bier in der Kneipe, jede überzuckerte, aber unglaublich stresslindernde Kalorienbombe und jede Currywurst mit Fritten gnadenlos mitschreibt und unlöschbar in einer Datenbank speichert. Kein Wunder, dass die Deutschen noch immer so an ihrem Bargeld hängen. Und ganz im Ernst: Manchmal kann ich die ganze Euphorie um die Digitalisierung nicht so richtig teilen. Dann nervt sie nur noch.

Kein Zweifel, Digitalisierung wird die Welt verändern, vieles leichter machen und Leben retten. Zumindest die, die es sich leisten können. Ferngesteuerte oder gar vollautomatische Operationen, maßgeschneiderte Medikamente und fälschungssichere zentrale Register sind tolle Errungenschaften. Und ich gebe zu, es ist schon bequem, sich über Google-Maps durch London zu manövrieren. Aber wir sollten immer beide Seiten sehen und nicht vergessen, wie viel Schindluder Unternehmen mit digitaler Technik im täglichen Kleinklein treiben können. Und definitiv werden.

Da wäre dieses Internet der Dinge. Tägliche Hausgeräte werden mit dem Internet verbunden und sollen dadurch leistungsfähiger werden. Kann ja sein, aber eben nicht nur. Amazon hat es schon vorgemacht, indem es Bücher von Kindle-Lesegeräten löschte. Bücher, die gekauft und bezahlt waren. Was ist denn, wenn Siemens einfällt, dass unser fernüberwachter Kühlschrank nicht mehr kühlen soll, weil der Inhalt nicht mehr in gesellschaftliche (oder staatliche) Vorgaben passt? Oder wenn Siemens beschließt, dass ich mal wieder etwas Umsatz dortlassen sollte und ihn einfach abschaltet? Damit ich mir einen neuen kaufe. Nichts macht die geplante Obsoleszenz so einfach wie das Internet der Dinge.

In dem Film „Kingsman: The Secret Service“ arbeitet der von Samuel L. Jackson gespielte Internet-Milliardär Richmond Valentine mit Zettel und Stift und bemerkt trocken, dass man sich dort eben nicht reinhacken kann. Der wahrscheinlich beste Satz in einem ohnehin klugen Film.

Konzerne wollen nicht unser Bestes, sondern unser Geld

Bei aller Freude über neue Dienstleistungen (Kühlschrank meldet sich, wenn das Bier alle ist, Versicherung erkennt Unfälle automatisch und schickt Mitarbeiter vorbei) sollten wir nicht vergessen, dass wir damit einen großen Teil unserer Freiheit einbüßen und uns mehr und mehr fremden Mächten ausliefern. Konzernen, die nicht unser Bestes wollen, sondern unser Geld. So weiß die Versicherung eben auch, wie schnell wir vor dem Unfall unterwegs waren und wie unser Atem roch. Und so können uns datenpralle Unternehmen zielgerichtete Kopfwäschen verpassen, damit bestimmte Menschen Präsident werden können.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mir bereitet das Bauchschmerzen. Und wenn es einer schlagkräftigen Menge meiner Mitmenschen genau so ergeht, sollte man sich als Investor mal Unternehmen anschauen, die Offline-Geräte herstellen. Sie könnten einen ähnlichen Wachstumsschub erleben wie die Schallplatte. Die kann auch niemand zentral abstellen, dafür ist sie aber teurer als gestreamte Musik. Das ist der Preis für Freiheit und Selbstbestimmung, die Offline-Geräte mit sich bringen. Ist dann auch ein abgekoppelter Fernseher teurer als ein smarter? Wahrscheinlich, dafür kann aber auch kein Fremder in meine gute Stube linsen, wenn ich Filme glotze.

Mal sehen, wann der erste netzfreie Aktienfonds auf den Markt kommt. Ich glaube, den nehme ich.