Lebenserwartung in der LV Warum Versicherer und Verbraucherschützer über Rechenmethoden streiten

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Johannes Lörper, Ergo

Muss man erst 100 werden, damit sich eine Rentenversicherung lohnt?“ – mit dieser provokanten Frage eröffnete kürzlich der ehemalige Ergo-Leben-Vorstand Johannes Lörper einen Vortrag vor Versicherungsjournalisten. Natürlich war die Frage Lörpers, der auch im Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) sitzt, mit ordentlichem Sicherheitspuffer kalkuliert. Denn eine gute halbe Stunde später lautete das Fazit des promovierten Mathematikers so: „Eine Rentenversicherung lohnt sich für jeden Kunden mit normaler Gesundheit.“

Doch nicht jeder Branchenexperte will dieser These folgen – so zum Beispiel der Versicherungsmathematiker und Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV), Axel Kleinlein. Seine Organisation vertritt die Ansicht, dass die deutschen Lebensversicherer ihre Rentenversicherungen mit „exorbitant“ überhöhten Lebenserwartungen ihrer Kunden kalkulieren. Die Folge seien höhere Zuschläge in den Policen, welche zulasten der Versicherten gingen, weil diese auf die Erträge drückten.

Dies sei „leider in der gesamten Branche zu beobachten“, findet Kleinlein. „Hintergrund ist die Empfehlung der Aufsichtsbehörde, dass immer mindestens eine ganz bestimmte Sterbetafel heranzuziehen ist. Diese wiederum hat die Deutsche Aktuarvereinigung erstellt und beinhaltet bereits sehr ausgeprägte Sicherheitspuffer.“

„Sehr ausgeprägte Sicherheitspuffer“

Zusätzlich rechneten einige Unternehmen noch weitere Sicherheitsreserven in der Langlebigkeit ein, meint Kleinlein und fügt hinzu: „Unterm Strich haben die Unternehmen aber gar keine echte Möglichkeit, mit fairen Lebenserwartungen zu kalkulieren.“

Lebenserwartung: Sicher ist nur der Tod

Nach Berechnungen des Bunds der Versicherten (BdV) wird ein heute 65-jähriger Mann durchschnittlich 85 Jahre alt. Die Versicherer rechneten aber mit mindestens 91 Jahren – viel zu viel, findet der BdV. Die Branche hält dagegen Quelle: BdV, DAV

Wie sich diese vermeintliche Unfairness auswirkt, erläutert der BdV-Vorstandssprecher an einem Beispiel: „Eine heute 20-Jährige hat realistisch gesehen etwa eine Lebenserwartung von 92 Jahren – hier ist der Effekt der sich verbessernden medizinischen Versorgung schon eingerechnet.

Die Versicherer unterstellen ihr aber eine Lebenserwartung von mindestens 101.“ Wenn die Versicherte dann mit 67 in Rente gehe, so Kleinlein weiter, dann habe sie also realistisch nur 25 Jahre Rentenbezug zu erwarten.

„Die Versicherungen rechnen aber so, als müssten sie sogar 34 Jahre Rente zahlen, also 9 Jahre länger“, sagt der Verbraucherschützer und folgert daraus, dass die Rente entsprechend „mehr als Drittel länger ausfinanziert“ werden müsse.