Partrick Doser über Faktorstrategien „Beim Portfoliobau ist Fingerspitzengefühl gefragt“

Patrick Doser, Investment-Experte bei iShares: „Smart-Beta-ETFs erleichtern den Zugang zu Faktoren.“ | © iShares

Patrick Doser, Investment-Experte bei iShares: „Smart-Beta-ETFs erleichtern den Zugang zu Faktoren.“ Foto: iShares

Herr Doser, iShares ist mit fast 300 ETFs am deutschen Markt vertreten – darunter viele Smart-Beta-Produkte. Warum sind Faktor-Investments so attraktiv?

Patrick Doser: Seit Aktien und Anleihen gehandelt werden versuchen Investoren Rendite-DNAs zu identifizieren und für ihre Portfolioallokation zu nutzen. Die in der Wissenschaft und der Praxis erforschten, nachhaltigen Renditetreiber heißen Faktoren. Sie sind nicht neu, sondern werden bereits seit den 1930er Jahren von Investoren genutzt. Smart-Beta-ETFs erleichtern den Zugang zu Faktoren. Sie demokratisieren Anlageerkenntnisse und stellen Investoren ein neues, transparentes und kostengünstiges Instrument zur Verfügung, das die risikoadjustierte Rendite ihres Portfolios verbessern kann.

Welche Anlegertypen interessieren sich für Smart-Beta-Strategien?

Doser: Für Smart-Beta-Anlagen interessieren sich sowohl institutionelle als auch  private Investoren. Grund dafür ist ihre Vielseitigkeit. Einzelfaktoren werden sowohl strategisch im Rahmen langfristiger Buy-and-hold Strategien als auch taktisch genutzt, um entsprechend kurz- oder mittelfristiger Markterwartungen zu investieren. Durch ihre überzeugende Performance konnten sich Multi-Faktor-Strategien  als eine echte Alternative zu Core-Portfolio-Holding und aktiv gemanagten Fonds etablieren. Aktive Fonds können den Markt oft langfristig nicht übertreffen und verlieren deshalb an Attraktivität.

Timing – also der bestmögliche Zeitpunkt für den Einsatz unterschiedlicher Faktor-Investments – spielt für Investoren eine wichtige Rolle. Wie können sie diese Zyklizität am besten nutzen? Wo lauern Gefahren?

Doser: Der Faktor Momentum kann zum Beispiel in Märkten, die stringent nach oben oder unten laufen seine Stärken ausspielen. Defensive Strategien wie Quality oder Minimum Volatility tendieren dazu, in schwierigeren Marktphasen eine Outperformance zu erzielen. Investoren versuchen durch makroökonomische, fundamentale und technische Indikatoren die jeweilige Vorteilhaftigkeit einzelner Faktoren zu ermitteln. Das Timing ist jedoch schwer, da Faktorenstrategien eben nicht auf kurzfristige, sondern auf langfristige Renditetreiber abzielen. Zusätzlich kann eine eher offensive Rotation mit ständigen Wechseln hohe Transaktionskosten verursachen und somit die angestrebten Faktorprämien schmälern. Wir sehen das sogenannte Tilting als eine geeignete Strategie, um die Zyklizität von Faktoren zu nutzen und ein verbessertes Risiko-Rendite-Profil zu erreichen.

Wie funktioniert Tilting genau?

Doser: Plakativ könnte man Tilting als eine Art ‚Timing Light‘ in der Asset-Allokation beschreiben. Ausgehend von einem diversifizierten Portfolio aus verschiedenen Einzelfaktoren wird entsprechend der generierten Signale ein Faktor über- oder untergewichtet. Zu jedem Zeitpunkt gibt es Positionen in allen Faktoren, die zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Es stellt sich weniger die Frage, ob eine Value-Strategie infrage kommt. Vielmehr wird Value gegenüber Momentum auf Vorteilhaftigkeit geprüft.

Wie kann eine Tilting-Strategie eingesetzt werden? Für welchen Anlegertyp eignet sie sich?

Doser: Smart-Beta-ETFs erlauben es allen Marktteilnehmern, eine Tilting-Strategie effizient und transparent umzusetzen. Investoren die Tilting betreiben starten oft mit einer gleichgewichteten Allokation in den Faktoren Value, Momentum, Size, Quality und Minimum Volatility und weichen dann entsprechend der Markterwartungen von dieser ab. Aktuell ist die Momentum-Strategie in vielen Portfolios aufgrund des ökonomischen Umfelds und guter technischer Indikatoren übergewichtet. Minimum Volatility ist dagegen weniger gefragt und entsprechend untergewichtet.

Multi-Faktor-Strategien sind bei Investoren ebenfalls gefragt. Ergeben sich dabei auch Risiken? Können sich Faktoren untereinander aufheben?

Doser: Multi-Faktor-Strategien bieten die Möglichkeit, mit nur einem Produkt in ein diversifiziertes Portfolio zu investieren. Darin sind nachhaltige Renditetreiber enthalten. Multi-Faktor-Strategien können sich in ihrer Konstruktion jedoch elementar voneinander unterscheiden. Viele Anbieter kombinieren Einzelfaktor-Strategien und bauen so einen Multi-Faktor-Index. Da Faktoren aber häufig negativ miteinander korrelieren, können sich in einem so konstruierten Portfolio die Faktoren gegenseitig aufheben oder im schlimmsten Fall sogar ein negatives Exposure aufweisen. iShares bezieht alle Aktien aus dem Ausgangsuniversum in Analysen ein und untersucht deren Exposure in Hinsicht auf die einzelnen Zielfaktoren, welche dann zu einem Faktor-Gesamt-Score zusammengeführt werden. Ein so zusammengesetztes Portfolio enthält Aktien, die hohe Faktor-Charakteristika in Bezug auf alle Faktoren besitzen und sich somit nicht gegenseitig aufheben.