Notenbanken Warum der Niedrigzins so tückisch ist

Notenbanker Mario Draghi (Eurozone), Mark Carney (Großbritannien) und Haruhiko Kuroda (Japan, v.l.): Die weltweite Verschuldung wird die Zinsen im Zaum halten  | © Getty Images

Notenbanker Mario Draghi (Eurozone), Mark Carney (Großbritannien) und Haruhiko Kuroda (Japan, v.l.): Die weltweite Verschuldung wird die Zinsen im Zaum halten Foto: Getty Images

Im Grunde gibt es zwei wesentliche Gründe, warum der Zins innerhalb der Eurozone unseres Erachtens noch lange vergleichsweise niedrig bleiben dürfte. Einer davon ist die Verschuldung der einzelnen Mitgliedstaaten. Um das zu verdeutlichen, haben wir die jährlichen Zinsaufwendungen zweier Euroländer – Deutschland und Italien – miteinander verglichen.

2008 musste Deutschland für seine Bundesschulden 43,9 Milliarden Euro Zinsen zahlen; das entsprach 14,5 Prozent des Bundeshaushalts. Obwohl die Verschuldung seither weiter gestiegen ist, liegt der Zinsaufwand 2017 nur noch bei rund 21,5 Milliarden Euro bzw. 6,5 Prozent des Bundeshaushalts. Es könnte sogar noch besser kommen: Sollten die Zinsen auf dem derzeitigen Niveau bleiben, läge der Zinsaufwand 2020 nur noch bei knapp 16 Milliarden Euro; das wären dann lediglich 4,6 Prozent des Bundeshaushalts. Dabei haben wir angenommen, dass die Bundesschulden konstant bleiben und der Haushalt mit unveränderter Wachstumsrate wächst. Wie immer gilt: Die tatsächliche zukünftige Entwicklung kann von diesen Annahmen abweichen.

Die „schwarze Null“ ist keine Kunst

Während hierzulande im Finanzministerium stets von der „schwarzen Null“ die Rede ist (was angesichts des Zinsniveau unseres Erachtens keine Kunst ist), ist das hochverschuldete Italien im Kampf ums finanzielle Überleben auf jeden Euro Zinsersparnis angewiesen. 2017 betragen die Zinsaufwendungen des Landes für seine ausstehenden Anleihen insgesamt rund 68,5 Milliarden Euro – und damit mehr als dreimal so viel wie bei den Deutschen. Bleibt das Renditeniveau wie es ist, würde der Aufwand bis 2020 auf knapp 60 Milliarden Euro sinken (Annahme: Schuldenwachstum zwei Prozent p.a.).

Die Gegenüberstellung der Finanzlage zweier großer Euroländer wie Deutschland und Italien veranschaulicht die Unterschiede innerhalb der Eurozone. Während der Tiefzins für den deutschen Haushalt durchaus willkommen, aber nicht notwendig ist, ist er im Falle Italiens schlicht überlebenswichtig. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte sich dessen bewusst sein und unseres Erachtens alles Notwendige dafür tun, um das Zinsniveau dauerhaft auf niedrigem Niveau zu zementieren.

Gewöhnungseffekt bei Regierungen…

Mindestens genauso wichtig wie das zuvor beschriebene Verschuldungsproblem ist der zweite Aspekt, ein zugegebener etwas „weicherer“ Faktor: Der Gewöhnungseffekt. Je länger die EZB das Zinsniveau niedrig hält, umso größer wird dieser. Schuldner, ganz gleich ob öffentliche oder private, richten sich bequem in der Niedrigzinswelt ein. Warum schmerzhafte Reformen durchführen, um den Haushalt zu sanieren, wenn Schuldenmachen derart günstig ist? Mit Sparmaßnahmen gewinnt man schließlich keine Wahlen. Das wäre die Regierungssicht.

… und Unternehmen und Haushalten

Aber auch Unternehmen und Häuslebauer gewöhnen sich an den Niedrigzins. Der Hausbau oder der Umbau wird deutlich teurer? Macht nichts! Baugeld ist schließlich so günstig wie nie. Dass der Zins irgendwann wieder steigen könnte, ziehen viele schlicht nicht in Erwägung. Das ist das Tückische an den niedrigen Zinsen.

Vorkrisen-Zinsniveau: Rückkehr wird schwierig

Der „Weg zurück“ wird so für die EZB immer schwieriger. Die Zinsen müssen unserer Meinung nach auch dann niedrig bleiben, wenn die Inflation die von den Notenbankern gewünschte Höhe (zwei Prozent) erreichen sollte; andernfalls wären die hochverschuldeten Staaten und damit der Euro gefährdet. Die EZB wird es sich deshalb nicht erlauben können, in den kommenden Jahren mit deutlich steigenden Zinsen zu experimentieren.

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