Staatspleite voraus „Was machen Sie mit Ihren Venezuela-Anleihen, Herr Durand?“

Junger Mann verkauft Süßigkeiten in einem Bus im kolumbianischen Bogota: Er gehört zu 470.000 Menschen, die 2017 aus dem wirtschaftlich und politisch krisengeschüttelten Venezuela nach Kolumbien geflohen sind. | © Getty Images

Junger Mann verkauft Süßigkeiten in einem Bus im kolumbianischen Bogota: Er gehört zu 470.000 Menschen, die 2017 aus dem wirtschaftlich und politisch krisengeschüttelten Venezuela nach Kolumbien geflohen sind. Foto: Getty Images

Am 3. November fiel der Kurs der neunjährigen Venezuela-Anleihe zunächst von 42,3 auf 30,3 Prozent und wenige Tage später sogar auf 22,7 Prozent. Was war passiert? Und wie geht ein Fondsmanager damit um, der solche Anleihen hat? Wir haben Jean-Jaques Durand gefragt, der den Edmond de Rothschild Emerging Bonds (ISIN: LU1160351208) managt. Hier ist seine Antwort.

Am 3. November gab die Regierung Venezuelas bekannt, dass sie die Staatskredite umschulden und umorganisieren will. Daraufhin brachen die Anleihekurse ein. Die Regierung wiederholte auf doppeldeutige Weise, dass sie ihre Schulden weiterhin bedienen wolle, während sie Gespräche mit den Gläubigern anstrebt.

Der Markt hat quasi die Gewissheit eingepreist, dass die Anleihen demnächst ausfallen. Deshalb erwarten wir nicht, dass die Kurse von den erreichten Tiefstständen noch weiter sinken werden, selbst wenn die Anleihen wirklich ausfallen. Nachdem einige Gläubiger bestätigten, Geld erhalten zu haben, und die Regierung wiederholt betonte, zahlen zu wollen, haben sich die meisten Anleihekurse von Mitte 20 Prozent auf knapp 30 Prozent erholt.

Generell betrachtet, wurde der Schritt schon vor einigen Monaten eingeleitet. Somit haben einige traditionelle Schwellenländer-Anleger schon Venezuela-Anleihen verkauft, in den vergangenen Wochen hat sich das noch beschleunigt. Nun ist zunehmend eine neue Gruppe von Anlegern ins Spiel gekommen, darunter Fonds mit langfristigem Anlagehorizont, die sich auf problematische Anleihen, sogenannte distressed Securities, spezialisiert haben. Unserer Meinung nach ist diese Rotation ein wichtiger Einflussfaktor, der Bewertungen und Kursschwankungen in den kommenden Monaten bestimmen wird. So war es mit Argentinien in den Jahren 2013 bis 2016 auch.

Wie wir bereits berichteten, war eine Umstrukturierung der venezolanischen Auslandsschulden mit oder ohne Zahlungsausfall für uns ein mögliches Szenario. Entsprechend waren wir darauf vorbereitet. Offenbar haben die US-Sanktionen den Vorgang beschleunigt, während die gestiegenen Ölpreise dem Land eher halfen.

Die jüngsten Ereignisse ändern nichts an unserem langfristig positiven Ausblick, was die Kurserholung bei den Anleihen betrifft. Dafür sprechen der Schuldenstand, die Ressourcen des Landes und die sehr wahrscheinlichen Umwälzungen in Politik und Regierung.

Wenn Staatsschulden neu geordnet werden, ist das immer ein einzigartiger Vorgang. Frühere Beispiele in unseren Fonds sind Argentinien und die Ukraine. Der Fall Venezuela wird dadurch so speziell, weil das Land von einer einzigen Einkommensquelle abhängt, dem Erdöl, und den Gläubigern damit viel stärker ausgeliefert ist. Das war bei früheren Beispielen nicht der Fall. Das erklärt auch, warum das Land bisher eine hohe Bereitschaft gezeigt hat, seine Schulden zu zahlen, und nun gern mit seinen Gläubigern verhandeln will.