Thorsten Becker über US-Aktien im Wahlkampf-Endspurt „Wenn Trump gewinnt, gibt es eine Panikreaktion an den Börsen“

Thorsten Becker, Aktienfonds-Manager bei J.O. Hambro

Thorsten Becker, Aktienfonds-Manager bei J.O. Hambro

DER FONDS: Sind die US-Wahlen ein Thema für Sie?

Thorsten Becker: Wir überlegen durchaus, welchen Einfluss die Wahlen auf unser Portfolio nehmen können. Wir denken, dass Donald Trump bessere Chancen hat, als ihm zugetraut werden. Dennoch wäre es eine Überraschung, wenn er die Präsidentschaftswahlen gewinnt.

Und wenn es dazu kommt?

Wahrscheinlich würde es dann direkt nach den Wahlen eine Panikreaktion an den Börsen geben. Danach käme es aber wohl wie nach dem Brexit-Votum zu einer schnellen Erholung. Man müsste wahrscheinlich in einigen Sektoren, etwa bei den erneuerbaren Energien, etwas vorsichtig sein. Bei einem Clinton-Sieg sehen viele den Gesundheitssektor unter Druck. Allerdings können die Kandidaten auch nicht problemlos alles umsetzen, was sie im Wahlkampf versprechen. Zudem gibt es einige Bereiche, die gut dastehen – unabhängig davon, wer ins Weiße Haus einzieht.

Als da wären?

Die Infrastruktur in den USA, ob Straßen, Bahnen oder Flughäfen, ist sehr sanierungsbedürftig. Beide Kandidaten haben angekündigt, hier zu investieren. Das gilt auch für die Bereiche Verteidigung und Internet-Sicherheit. Die Streitkräfte bekommen voraussichtlich eine eigene Cyber-Security-Abteilung. Es reicht allerdings nicht, die aussichtsreichen Sektoren zu kennen, man muss auch die richtigen Unternehmen finden. Oft sind es kleine oder mittelgroße Firmen, die gezielt von Investitionsmaßnahmen profitieren. Bei den großen Unternehmen ist es meist nur ein kleiner Teil des Gesamtgeschäfts.

Wie setzen Sie diese Chancen im Portfolio um?

Im Bereich Infrastruktur halten wir beispielsweise Martin Marietta, einen Lieferanten für Baumaterialien. Im Verteidigungssektor haben wir den Flugzeugausrüster B/E Aerospace im Portfolio. Auf dem Gebiet Cyber-Security wiederum setzen wir auf das Halbleiter-Unternehmen Cavium und auf Fortinet, das Firewalls und Virenabwehr auf sehr hohem Niveau anbietet.

Gibt es weitere Sektoren, die Sie mögen?

Wir investieren mehr nach Themen. Ein wichtiges Thema ist die Alterung der amerikanischen Bevölkerung. Die Zahl der Senioren wächst. Jeden Tag werden 10.000 Amerikaner 65 Jahre alt. Das ist ein sehr starker demografischer Trend. Die Leute brauchen mehr Beratung für ihre Altersvorsorge. Davon profitiert zum Beispiel eine Firma wie Raymond James Financials. Das Medizintechnik-Unternehmen Wright Medical hingegen profitiert von der zunehmenden Nachfrage nach medizinischem Gerät. Und Service Corporation bietet alles rund um das Thema Bestattung an. Ein weiteres Thema ist das starke Datenwachstum. An Lösungen hierfür arbeiten meist nicht die großen bekannten Firmen, sondern kleinere Unternehmen wie Cogent Communication. Ebenso gibt es einen Trend zu gesunderer Ernährung, auf den wir schon länger sehr erfolgreich setzen. Früher zum Beispiel mit White Wave Foods, die im Sommer von Danone übernommen wurden.

Ihr größter Einzeltitel ist eine Bank, die First Republic. Mögen Sie Banken?

Ja, hier gibt es einige interessante Unternehmen. Nach der Finanzkrise sind die großen Banken vor allem durch die starke Regulierung belastet. Das bietet Chancen für kleinere und mittelgroße Institute, die organisch oder auch durch Zukäufe wachsen. Die First Republic Bank haben wir schon seit Auflegung des Fonds 2014 im Portfolio. Die Bank sitzt in San Francisco und arbeitet sehr service-orientiert, was vielen Großbanken heute fehlt. Sie hat sich auf vermögende Privatleute vor allem aus den Küstenstädten spezialisiert. Zum Beispiel hat sie viele Niederlassungen im Silicon Valley und ist auch direkt auf dem Facebook-Campus vertreten.

US-Aktien erreichen immer wieder neue Rekordhöhen, langfristig haben Small und Mid Caps sogar noch besser abgeschlagen als der marktbreite S&P 500. Droht da nicht irgendwann eine Überhitzung?

Die Bewertungskennzahlen haben sich schon etwas ausgeweitet. Wir sehen aber gutes Gewinnwachstum, das höhere Bewertungen rechtfertigt. Der US-Markt hat eine andere Struktur als andere Märkte. In den USA gibt es zwar die riesigen Konzerne, es gibt aber auch sehr viele kleinere Firmen, von denen viele noch jung sind und viel höheres Wachstumspotenzial haben als reifere Unternehmen. Netflix etwa hatte beim Börsengang im Mai 2002 gerade einmal eine Marktkapitalisierung von 500 Millionen Dollar, heute sind es rund 45 Milliarden Dollar.

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