Konjunktur-Ausblick Edmond de Rothschild erwartet mehr Wachstum in den USA und weniger in der Eurozone

Mathilde Lemoine, Chefökonomin der Edmond de Rothschild Gruppe: „Deutschland dürfte die wirtschaftliche und institutionelle Führungsrolle im Euroraum beibehalten, könnte jedoch einer Stabilisierungsphase seiner Wirtschaft bis 2018 nicht entgehen“ | © Edmond de Rothschild AM

Mathilde Lemoine, Chefökonomin der Edmond de Rothschild Gruppe: „Deutschland dürfte die wirtschaftliche und institutionelle Führungsrolle im Euroraum beibehalten, könnte jedoch einer Stabilisierungsphase seiner Wirtschaft bis 2018 nicht entgehen“ Foto: Edmond de Rothschild AM

Das US-Wachstum könnte 2018 zulegen und durchschnittlich bis zu 3 Prozent betragen – das ist ein der Hauptschlüsse von Dr. Mathilde Lemoine, Group Chief Economist bei Edmond de Rothschild, aus ihrem aktuellen Halbjahresbericht. Aus diesem Grund stellt sie die Frage, ob wir gerade eine Rückkehr zur amerikanischen Vormacht erleben.

Trumps Plan geht auf

Nachdem sich das Wachstum weltweit beschleunigt hat, könnten einzig die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaftstätigkeit 2018 erneut weiter ankurbeln und sich damit wieder als feste Größe des weltweiten Wachstums etablieren. Donald Trumps Plan, die USA wieder ins Rennen zu bringen, könnte somit aufgehen. Die Ende letzten Jahres verabschiedete US-Steuerreform ist nicht nur im Hinblick auf das Entlastungsvolumen beachtlich. Sie verändert auch das amerikanische Steuersystem grundlegend. Erklärtes Ziel ist es, die amerikanischen Unternehmen zu Investitionen in den Produktionssektor zu bewegen und zugleich die Kreditkosten anzuheben. Vorliegenden Berechnungen zufolge könnten sich die Steuersenkungen auf netto 111 Milliarden Dollar belaufen und so die Investitionsbereitschaft von Unternehmen fördern. Für die amerikanischen Haushalte indes dürften die Steuereinsparungen 2018 lediglich 17 Milliarden Dollar netto betragen. Das amerikanische Wachstumstempo könnte 2018 auf bis zu 3 Prozent ansteigen, ohne einen allzu hohen Inflationsdruck auszulösen – Letzteres aufgrund der erwarteten mangelnden Dynamik des privaten Verbrauchs und des Fortbestehens eines Arbeitskräfteüberschusses.

Dem Aufschwung im Euroraum geht die Puste aus

Im Gegensatz dazu könnte eine Abschwächung des Wachstums in der Eurozone auftreten. 2018 dürfte sich das Wachstum auf 1,8 Prozent und 2019 auf 1,6 Prozent abschwächen, nachdem es 2017 noch 2,5 Prozent betragen hatte. Zu den Ursachen zählen eine steigende Trägheit im Bauwesen sowie die vorangegangene Euro-Aufwertung.

Für Mathilde Lemoine könnte die politische Risikoprämie in den Jahren 2018 und 2019, nachdem im Zuge der Wahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Tiefpunkt erreicht wurde, wieder ansteigen, da der institutionelle Fortschritt in Europa angesichts der politischen Lage in Italien, aber auch in Spanien und Deutschland zum Stillstand kommen dürfte. Die meisten der Vorschläge, die Frankreich zur Konsolidierung der Gemeinschaftswährung vorgebracht hat, etwa bezüglich eines gemeinsamen Haushalts für den Euroraum, haben verhaltenen Zuspruch unter den anderen Mitgliedstaaten bekommen. Zudem könnte die von uns erwartete Verlangsamung des Wirtschaftswachstums den Reduktionsprozess der durchschnittlichen Staatsverschuldung im Euroraum unterbrechen. Diese lag Ende 2017 bei 86,7 Prozent des Bruttoinlandprodukt (BIP) im Gegensatz zu 89 Prozent des BIP Ende 2016 erreichte.

EZB will niedrige Zinsen behalten

Vor diesem Hintergrund wird die Europäische Zentralbank (EZB) Vorsicht walten lassen und versuchen, einen Anstieg sowohl der kurzfristigen, als auch der langfristigen Zinsen zu verhindern. Wie schon in der Vergangenheit oftmals geschehen und wie angekündigt, dürfte sie Maßnahmen ergreifen, um die Zinsaufschläge für Italien und die weiteren Länder im Süden der Eurozone zu begrenzen. Die politische Instabilität und die deutsch-französischen Spannungen, die sich womöglich aus den Anhebungen bestimmter Zölle auf US-Importe ergeben, könnten einen Abwärtsdruck auf die Renditen deutscher Staatsanleihen bewirken.

Kein Ende der Spannungen zwischen China und den USA

Die angedrohten und erfolgten Anhebungen von Importzöllen sind eher als Trümpfe im Verhandlungspoker denn als Auftakt für einen protektionistischen Handelskrieg zu verstehen. Tatsächlich bestehen einige der amerikanischen Hauptforderungen in der Steigerung der US-Exporte zur Verringerung des amerikanischen Handelsdefizits, der Achtung von Rechten am geistigen Eigentum und der Möglichkeit, auch ohne chinesischen Partner in China Geschäfte zu betreiben, um den Technologietransfer einzudämmen. Das Ziel der Vereinigten Staaten ist somit eine Intensivierung des Handels und nicht dessen Einschränkung. Allerdings dürfte die amerikanische Steuerpolitik zu einem Anstieg der Einfuhren und damit zu einem immer größeren Handelsdefizit führen, was die Spannungen zwischen den beiden Wirtschaftsgiganten weiter befeuern dürfte.

Auseinanderdriften der weltweiten Wachstumsraten: eine neue Quelle von Instabilität?

Mathilde Lemoine zeigt auf, dass die Verbesserung des weltweiten wirtschaftlichen Umfelds auf eine allgemeine Zunahme der Verschuldung zurückzuführen ist. Die Notenbanken intervenieren weiterhin massiv, um die Preise von Vermögenswerten zu manipulieren und die Verschuldung zu fördern. Dies erhöht das Risiko einer Instabilität der Finanzmärkte. Sie warnt vor einem Auseinanderdriften des weltweiten Wachstums als einer der Ursachen erheblicher Zinsschwankungen.

Deutschland behält Führungsrolle

Die deutsche Konjunktur würde weiterhin vom Wachstum der deutschen Produktivkräfte und Exporte gestützt werden. Die Stärkung des Arbeitsmarkts würde zu einem moderaten Anstieg der realen Kaufkraft führen. Die Dynamik der Produktivinvestitionen würde sich nach einem Zyklus des Kapazitätsausbaus abschwächen. Deutschland würde seine wirtschaftliche und institutionelle Führungsrolle im Euroraum beibehalten, könnte jedoch einer Stabilisierungsphase seiner Wirtschaft bis 2018 nicht entgehen, wobei für 2018 mit einem Wachstum von 2,0 Prozent gerechnet wird.