Delfin im Amazonas Foto: IMAGO / imagebroker

Anleihechef von Vontobel

Investoren schärfen Blick für Green Bonds

Gamestops wilde Achterbahnfahrt ist der neueste Seitenhieb der Anti-Establishment-Szene gegen die Wallstreet und unterstreicht einmal mehr, dass sich die Finanzmärkte in einem Paradigmenwechsel von gieriger Gewinn- zu ESG-Nutzenmaximierung (ESG: Environment, Social, Governance) befinden. Das wird durch das starke Wachstum von ESG-Anlagelösungen untermauert, was davon zeugt, dass Investoren einen echten Impact haben wollen.

Während die Aktienmärkte bisher einen Großteil des Rampenlichts im Bereich Impact Investing für sich beansprucht haben, holen jetzt jedoch auch die Rentenmärkte mit der Emission von grünen Anleihen auf. Dennoch sind grüne Anleihen immer noch eine relativ kleine Nische, die dazu dient, die Finanzierung nachhaltiger Projekte zu sichern.

Dahingegen wird der weite Bereich des allgemeinen Anleihemarkts oft in seiner Fähigkeit unterschätzt, Emittenten von Staats- und Unternehmensanleihen dazu zu drängen, Veränderungen zu Gunsten der Nachhaltigkeit umzusetzen. Während „Engagement“ ein Bereich ist, der am Rentenmarkt noch reifen muss, gibt es auf den primären und sekundären Anleihemärkten wirksame Preisbildungsmechanismen für Anleiheinvestoren, um einen spürbaren ESG-Einfluss auszuüben.

Hitting where it hurts

Die gängige Auffassung ist, dass Impact mit Macht einhergeht, weshalb die Einflussnahme auf die Unternehmensführung tendenziell als Privileg von Aktienanlegern angesehen wird. Während Aktieninvestoren Unternehmensanteilsinhaber mit Stimmrechten sind, sind Anleiheanleger lediglich Kapitalgeber mit Kreditkonditionen, die weniger Einfluss auf Managemententscheidungen haben. Diese Ansicht ist zwar richtig, vernachlässigt aber, dass Anleiheinvestoren Kapitalgeber sind, deren Überzeugungen sich in den Marktpreisen und Anleihebewertungen widerspiegeln, die die Kapitalkosten eines Unternehmens bestimmen.

Da ESG bei Anleiheninvestitionen immer mehr an Bedeutung gewinnt und Investoren zunehmend ESG-Integration in ihren Anleihenauswahlprozessen praktizieren, werden schlechte ESG-Schlagzeilen ein Unternehmen dazu zwingen, mehr für seine Anleihen zu zahlen. Das liegt daran, dass ESG-bewusste Anleiheinvestoren beginnen werden, Sünder zu meiden, was den Anleihepreis nach unten und die Rendite nach oben treibt.

Nun könnten Kritiker sagen, man muss dort ansetzen, wo die Musik spielt – nämlich auf den Primärmärkten, wo das Kapital zugeteilt wird, und nicht auf den Sekundärmärkten, wo es lediglich den Besitzer wechselt. Das trifft jedoch nur teilweise auf die Anleihemärkte zu. Mit sehr wenigen Ausnahmen sind Unternehmen und Länder Daueremittenten, die den Markt wiederholt anzapfen, um sich zu refinanzieren. Dabei ist zu beachten, dass jede Primäremission auf dem Sekundärmarkt gepreist wird.

Wenn ein Unternehmen also eine fragwürdige ESG-Bilanz aufweist, werden die Anleger die damit verbundenen Risiken ganz genau im Auge behalten. Folglich werden sie wahrscheinlich eine höhere Rendite für die Anleihen des Emittenten auf dem Sekundärmarkt verlangen, was sich direkt auf den Preismechanismus von Neuemissionen auf dem Primärmarkt auswirkt. Höhere Renditen führen zu höheren Zinsaufwendungen, was Unternehmen dort trifft, wo es weh tut: beim Unternehmensgewinn.

Engagement muss im Anleihebereich noch reifen

Engagement ist dadurch berühmt geworden, dass angriffige Aktieninvestoren Unternehmen zum Handeln zwingen, um offensichtliche Schwächen zugunsten der Maximierung des Shareholder Value auszumerzen. Bei Anleiheanlagen ist Engagement eine weniger glorreiche Angelegenheit. Ohne die Möglichkeit der Stimmrechtsausübung gestaltet sich die Fähigkeit der Anleiheinvestoren, auf Emittenten Einfluss zu nehmen, eher implizit als explizit und muss sich noch weiterentwickeln, um echte Veränderungen herbeiführen zu können.

Als Kapitalgeber haben Anleiheinvestoren direkten Zugang zur Unternehmensführung und zu Regierungsvertretern und können strittige Themen und mögliche Defizite ansprechen - je größer der Anleiheanteil ist, den die Investoren halten, desto besser natürlich. Um jedoch zu vermeiden, dass sie mit einer ausgefeilten PR-Antwort abgespeist werden, ist mehr kollektives Handeln von Anleiheinvestoren erforderlich, die in der Regel nur im Falle von Zahlungsausfällen und Schuldenumstrukturierungen zusammenkommen.

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